Lieber Kirill Petrenko,

Oktober 29, 2025
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Der Dirigent Kirill Petrenko (Foto: Berliner Phil./Rabold)

normalerweise höre ich beim Joggen Podcasts: Apolkalypse & Filterkaffee, Pod Save America oder Ronzheimer. Um zu wissen, was läuft ist in der Welt. Aber als ich mir neulich die Schuhe gebunden habe, spielten meine Kopfhörer automatisch Beethovens 7. Symphonie – interpretiert von Ihnen und Ihren Berliner Philharmonikern. Ich ließ Sie einfach laufen beim Laufen! 

Poco sostenuto: 62 Takte dauerte es, bis ich in Ihrem Tempo angekommen war. Meine Beine rannten. Mein Kopf ratterte. MeineGedanken tanzten im Allegretto. Ein Schwungholen für das Presto.

Ich konnte loslassen. Das Chaos der Welt raste an mir vorbei: Trump, Putin, Gaza, Israel, Stadtbild und AfD-Prognosen. Meine Beine stampften weiter, und Sie riefen mir zu: »Freiheit! Freiheit! Freiheit!« Beethoven gegen Napoleon, ich gegen Trump. Musik kann, was Worte nicht können. 

Kein Wunder, dass Sie so wenige Interviews geben. Sie sagen so vieles in Ihrer Arbeit. Ich brauche beim Laufen keinen Polit-Podcast mehr für die Ordnung meiner Welt. Ihr Beethoven reicht. 

Nach 10 Kilometern fünf Schläge. Zweifel! Erschöpfung! Dann das Allegro con brio. Ein Rausch. Ein Fest der Freiheit. Ein Nachmittagslauf mit Rückenwind durch den Wahnsinn unserer Welt. Danke dafür.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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