Schlittenfahren mit der Musik 

Februar 9, 2026
5 mins read
Die Olympischen Spiele 2026 in Italien – Eröffnungsfeier.

Willkommen in der neuen Klassik-Woche, 

heute mit einem Neujahrsschwindel, weiteren Entlassungen in der Musikkritik, mit Blicken hinter die Salzburger Festspiel-Kulissen und einer sportlichen Enttäuschung.

Der Neujahrsschwindel

Es klang so gut, so modern, so divers: Die Wiener Philharmoniker spielen den Walzer einer schwarzen Komponistin im Neujahrskonzert. Doch nun stellt sich der PR-Coup vielleicht als Fake heraus. Musikwissenschaftler in den USA sagen: Die Wiener Orchester-Version von Wolfgang Dörner hat nur sehr wenig mit Florence Prices eigentlichem Rainbow Waltz für Klavier zu tun. Keine Blue-Note, die Themen stimmen nicht überein, dazu eine Zuckerbäcker-Einleitung, analysiert auch Komponist Alexander Strauch bei BackstageClassical. Nach unserem Text konfrontierte die österreichische Zeitung Die Presse Orchestervorstand Daniel Froschauer mit der Kritik. Dessen Antwort ist eher beschämend, man habe sich die Original-Komposition doch nur »eingemeindet«. So viel zum Verständnis seines Orchesters von Emanzipation und Diversität! Klar, dass ich ihm einen Brief schreiben musste.

Das Ende der Musikkritik … mal wieder

Für Jeff Bezos ist eine Zeitung weniger Geschäftsmodell als viel mehr Mittel zur Macht. Und dafür braucht man die klassische Musik offensichtlich nicht! Seine Washington Post schrumpft der Amazon-Milliardär immer weiter und wirft einen großen Teil seiner Redakteure raus. Betroffen ist auch der letzte Musikkritiker der Zeitung, Michael Andor Brodeur. Das ist traurig, aber wir kennen das aus Deutschland: Wie viele Musikredakteur-Stellen hatte zum Beispiel die FAZ vor 10 Jahren! Und heute? Vielleicht lohnt es auch nicht, einem Medium nachzutrauern, das eh schon verloren ist. Wir bei BackstageClassical merken auf jeden Fall, wie viel Spaß die Nische macht – also, willkommen auf unserer Party, Michael!   

Hinterhäuser weiter unter Druck

War das der Tropfen, der die Salzach zum Überlaufen bringt? Das Kuratorium der Salzburger Festspiele mit Landeshauptfrau Karoline Edtstadler an der Spitze hat Salzburgs Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser die »Gelbe Karte« gezeigt. Aber war sein Vorpreschen bei der Besetzung der Schauspielspitze nur der juristischer Anker, um Hinterhäuser endlich loszuwerden (hier eine aktuelle Beschreibung der Vorfälle)? Hinter den Kulissen könnte es auch um andere Themen gegangen sein: Um den Führungsstil des Intendanten, um seinen Umgang mit Menschen, Macht und um seine Management-Methoden. Um so erstaunlicher, dass Leute wie FAZ-Mann Simon Strauß in ihrer Analyse all diese Punkte vollkommen außer Acht lassen. Stattdessen lobt er Hinterhäusers Sommer-Programm, in dem alte Recken wie Elfriede Jelinek, Peter Handke und (gähn!) Krzysztof Warlikowski noch einmal dabei sind. Wie kann es sein, dass uns Produktionsbedingungen in der Landwirtschaft und selbst in der Pornoindustrie wichtig sind –dass einigen Feuilletons aber vollkommen egal zu sein scheint, was hinter den Kulissen der Kultur passiert? Die Politik kann die Augen da nicht schließen! In Salzburg scheint das Pendel derzeit auf jeden Fall in Richtung gesunder Menschenverstand auszuschlagen und nicht in die »Ein-Genie-Darf-Alles«-Verteidigung (ich führe den Gedanken hier aus). In unserer unrepräsentativen Umfrage geben auf Instagram 73 Prozent Hinterhäuser die rote und 27 Prozent die gelbe Karte – das Ergebnis bei Facebook fällt sogar mit 89 Prozent für rot aus.     

»Orte für viele Perspektiven«

Im BackstageClassical-Podcast lassen wir die Klassik-Woche mit dem Dirigenten Alexander Liebreich Revue passieren – er wird Chefdirigent in Taipeh. Liebreich kritisiert die deutsche Kultur- und Bildungspolitik und bemängelt den geringen Stellenwert der Musikvermittlung. Im Bildungssystem fehle ein »Selbstverständnis« für klassische Kultur, während Musikunterricht in Ländern wie Polen oder Asien selbstverständlich sei. Zu seiner neuen Aufgabe in Taiwan zeigte er sich optimistisch: Taipeh sei ein dynamischer Kulturstandort mit jungem Publikum und Projekten wie einer neuen Concert Hall bis 2028. Dass sich derzeit in China Ensembles aus Russland (Valery Gergiev) und Deutschland (Kirill Petrenko) die Klinke in die Hand geben, sieht er als Zeichen unterschiedlicher Welt-Perspektiven. Er selber lehnt Auftritte in Russland derzeit aus politischen Gründen ab.

Die große Anbiederung

Hat der Deutsche Musikrat das wirklich nötig? Deutschlands Interessenverband klüngelt jetzt ausgerechnet mit dem OPUS KLASSIK. Die Generalsekretärin Antje Valentin (hier mein Brief an sie) will einen OPUS für den »Musiklehrer des Jahres« verleihen. Das ZDF liebt es, junge Reiter auf tote Pferde zu setzen. Aber wetten, dass diese OPUS-Kooperation kein Kaulitz-Wunder wird? Was soll das eigentlich sein, ein »Musikpädagoge des Jahres?« So wie letztes Jahr der OPUS für den Klavierspieler Louis Philippson, dem die ARD nun auch noch die Doku »Plötzlich Fame!« hinterherwirft (der Titel sagt alles!)? Der Musikrat, der in seiner »Vielfalt«-Broschüre schon mal allerhand Männer-Bilder aneinanderreiht oder in den sozialen Medien am liebsten Fotos seiner Funktionäre in Videokonferenzen postet, bleibt  – mal wieder – im gestern stehen.

Verdi und Volare!

Viele nationale Sterotype bei den Olympischen Spielen: Die Deutsche Mannschaft mit Angler-Outfit und Angler-Choreographie (sehr lustig!), europäische Buhs für JD Vance, und Italien inszeniert sich als sportliche Kulturnation. Aber, warum zum Tomba la Bomba lasst Ihr auf der einen Seite Puppen Eurer stolzen Nationalkomponisten von Verdi über Rossini bis Puccini über die Stadionmitte tanzen, aber den Volare-Hit ausgerechnet von Mariah Carey verhunzen? Ganz zu schweigen von Andrea Bocellis Nessun dorma! Hey, Bella Italia: Das könnt Ihr besser, Ihr seid das Land der Stimmen, der Oper, des Gesangs. Musikalisch reichte Eure Eröffnung leider nicht mal für Bronze.

Personalien der Woche

Letzte Woche hat die Sängerin Chen Reiss bei uns im Podcast gefordert: »Zubin, wir brauchen Dich in Israel« – nun hat der Dirigent sie erhört und angekündigt, dass er zurückkehren wird zu seinem Israel Philharmonic Orchestra. Spätestens 2027 zum 90. Jubiläum des Orchesters will Zubin Mehta wiederkommen. Ich habe ihm dazu einen Brief geschrieben. +++ Seit 25 Jahren pflegt das Markgräfler Gymnasium im badischen Müllheim einen Austausch von Bigband und Chor mit den USA. Den hat die Schule nun abgesagt: Wegen der neuen Einreisebestimmungen in Trump-Country. Übertrieben? Ich finde schon. Gerade jetzt wäre Austausch unter Jugendlichen wichtig. 

Briefe von Brüggi

Jeden Morgen um 6:00 Uhr (Di-Fr) gibt es bei BackstageClassical den Brief von Brüggi… Hier die Briefe der vergangenen Woche:

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! Ich war diese Woche in Hamburg, unter anderem zu Elfriede Jelineks und Olga Neuwirths Monster’s Paradise. Die beide Künstlerinnen als Vampire und Heldinnen, die das Publikum (mit guten Tricks von gestern) zumLachen über Trump in Windeln bringen und die Apokalypse als Groteske vorstellen. Das hat sehr bewegende Momente, manchmal dehnen sie sich aber auch durch Zeit und Raum, und zuweilen kaschiert das Schrille das wahrlich dämonische des Coca-Cola-Präsidenten. Wird nur ein Monster das Monster besiegen? Oder müssen wir als Gesellschaft wieder zu einem liebevollen Monster wachsen? Was auf jeden Fall großartig ist: Tobias Kratzers Hamburgische Staatsoper (hier ein Porträt) wird zu einem Spielfeld, um die Möglichkeiten der Oper auszuloten, ihre Ästhetik, ihre gesellschaftliche Relevanz und ihren Unterhaltungswert. Ich war auch in Hamburg, weil wir derzeit die neue Version von Peter und der Wolf proben, die ich für Omer Meir Wellber als eine Art tragisches Märchen für Erwachsene auf St. Pauli umgeschrieben habe – eine Collage über den empathielosen Kiez-Mörder Mucki Pinzner. Ein Experiment ganz anderer Art. Wenn Sie wollen, sehen wir uns dafür im März im Hamburger Tivoli.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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