Der Kampf um Erfurt

Januar 20, 2026
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Guy Montavon und das Theater Erfurt (Fotos: Theater Erfurt, Collage BC)

Keine Einigung mit dem gefeuerten Ex-Generalintendanten Guy Montavon. Der will auf seine alte Position zurückkehren. Die Stadt will das verhindern. Und das ist nur eines der vielen Probleme in Erfurt.

English summary: A failed settlement deepens the crisis at Theater Erfurt. Fired director Guy Montavon seeks reinstatement, while the city fights his return. Ongoing court battles, leadership resignations, disputed compensation and unresolved misconduct allegations leave the theater in turmoil..

Die Machtkämpfe rund um das Theater Erfurt werden selber zu einem komplexen Schauspiel. Nachdem ein Gütetermin vor dem Arbeitsgericht zwischen dem ehemaligen Generalintendanten Guy Montavon und der Stadt gescheitert ist, geht der Arbeitsrechtsstreit in die nächste Runde. Am 1. April soll in einem Kammertermin über die Wirksamkeit der Kündigung und Montavons mögliche Rückkehr auf den Intendantenposten verhandelt werden. Schon vorher hatte Interimsintendant Malte Wasem angekündigt, das Theater im Sommer zu verlassen. Die Stadt steht vor einem kulturellen Scherbenhaufen.

Eskalierender Rechtsstreit

Im Gütetermin ließt Montavons Rechtsanwalt keinen Zweifel daran, dass der ehemalige Intendant auf seinen alten Posten zurückkehren wolle. Die Stadt hatte zuvor gehofft, in einer außergerichtlichen Lösung einen bereits ausgearbeiteten Aufhebungsvertrag durchzubringen, der dann allerdings am Votum des Stadtrats scheiterte. Der verlangte zunächst weitere Aufklärung im Skandal um Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe am Theater und über die Rolle Montavons. 

Guy Montavon wurde im Sommer 2024 mehrfach außerordentlich fristlos gekündigt. Die offiziellen Kündigungsgründe waren allerdings nicht die anfänglichen Vorwürfe von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt gegen Sängerinnen und Darstellerinnen, die im Januar 2024 zu seiner Beurlaubung führten. Stattdessen nannte die Stadt finanzielle Unregelmäßigkeiten: Das Rechnungsprüfungsamt hatte unter anderem eine Rechnung für die ungewöhnlich günstige Herstellung eines privaten Möbelstücks in den Theaterwerkstätten gefunden sowie eine unzulässige Vergütung von Corona-Tests im öffentlichen Dienst.

Poker um Abfindungen

Gutachten einer externen Kanzlei entlasteten Montavon hinsichtlich strafrechtlicher Relevanz der Missbrauchsvorwürfe, bestätigten aber Pflichtverstöße.  Der Skandal hatte das Theater auf vielen Ebenen tief erschüttert. 

In weiteren Verhandlungen hatte Montavon dann eine Abfindung von 860.000 Euro gefordert, die aber von der Stadt abgelehnt wurde. Stattdessen bot sie dem Intendanten zunächst nach Medieninformationen rund 276.000 Euro, später 380.000 Euro auf Basis des Arbeitsvertrags an. Beide Vorschläge lehnte nun Guy Montavon ab. Es wird sich zeigen, ob sein Beharren auf Wiedereinstellung nun ein Pokerspiel ist, um den Preis doch noch in die Höhe zu treiben, oder ob er es ernst meint mit seiner Rückkehr ins Haus. Wie die nach dem öffentlichen Streit aussehen könnte, ist allerdings unvorstellbar.

Juristische Knackpunkte im April-Termin

Im April-Termin wird es in erster Linie darum gehen, ob bei Montavons Kündigung Tatsachen vorlagen, die eine Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses für die Stadt unzumutbar gemacht haben. Dabei wird auch geprüft werden, ob vor den Kündigungen entsprechende Abmahnungen ausgesprochen wurden – und ob damit die arbeitsrechtlichen Voraussetzungen für fristlose Schritte erfüllt waren.

Sollte Montavon in dieser Verhandlung Recht bekommen, würde in einem zweiten Schritt wohl seine Forderung nach Entfristung des bereits 2002 geschlossenen Intendantenvertrags geprüft, was bis in die Amtszeit des damaligen Oberbürgermeisters Manfred Ruge (CDU) zurückreicht. Juristisch heikel ist dabei die Frage, ob die für künstlerisch tätiges Bühnenpersonal an Theatern zulässige Befristung auch für Intendanten gilt, oder ob für die Hausleitung andere Maßstäbe anzulegen sind.

Interimsintendant Wasem kündigt Abschied an

Während der Rechtsstreit um Montavon mit aller Härte weiterläuft, verliert das Theater Erfurt im Sommer auch seinen Interimsintendanten Malte Wasem. Der hatte bereits vor einiger Zeit mitgeteilt, dass er nach Ende der laufenden Spielzeit gehen und seinen Vertrag nicht verlängern werde. Er gab persönliche Gründe an und die Belastung durch das Pendeln von Leipzig nach Erfurt.

Doch es gab auch massive Kritik aus dem Ensemble an Wasems Reformkurs. Innerbetriebliche Widerstände wurden in einem offenen Brief aus Teilen der Belegschaft deutlich, in dem der Arbeitsstil des neuen Intendanten kritisiert wurde. Wasem gelang es offensichtlich nicht, die Spannungen in Zeiten des Wandels zu beruhigen. 

Und es gibt noch einen Abgang: Verwaltungsdirektorin Christine Exel, die zusammen mit Wasem die Interims-Doppelspitze bildete und von den Stadtwerken »ausgeliehen« ist, will in ihren alten Job zurückkehren und die Doppelbelastung nicht länger tragen. Eine Ausschreibung für ihre Nachfolge im kaufmännischen Management verlief zuletzt ergebnislos: Es ging keine einzige Bewerbung ein. Nun will der Stadtrat offenbar eine außertarifliche Bezahlung beschließen, um die Position attraktiver zu machen und »Augenhöhe« im künftigen Führungsteam herzustellen.

Unsichere Zukunft des Theaterumbaus

Nach den Plänen der Stadt soll im Januar 2026 die neue Intendanz ausgeschrieben werden, die frühestens aber zur Spielzeit 2027/28 antreten könnte. Bis dahin muss wohl eine weitere Übergangslösung gefunden werden, die das Haus  ohne sonderlichen Gestaltungsspielraum führt. Es sei denn, Guy Montavon kehrt doch noch zurück. Aber wie das ohne Gesichtsverlust für die Stadt gehen soll, und wie dadurch das Ensemble befriedet werden könnte, ist vollkommen unvorstellbar. 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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