manchmal sind Kritiker einfach nur schlecht gelaunte Spaßbremsen. Muss man nicht ernst nehmen! Aber dieser David Allen von der New York Times, der hat Sie nun ganz schön durch die Mangel gedreht: Unter Ihnen würde das Boston Symphony Orchestra stagnieren. Ihr Repertoire: zu klein. Ihr Dirigierstil: zu oberflächig. Ihre Tanzrhythmen: erschlafft. Ihr Orchester: zu laut. Kurzum, Kollege Allen wartet darauf, dass das Orchester von Ihnen erlöst wird.
Solche Wutanfälle von Kritikern kann man als Künstler getrost in den Papierkorb pfeffern. Oder man denkt kurz drüber nach. Sie waren ein Wunderwuzzi! Sie haben Birmingham nach Simon Rattle in eine neue Ära katapultiert. Sie waren der junge, wilde Leidenschaftler aus Riga! Sie waren die Vorhut der Neeme Järvi und Jorma Panula-Schüler, die inzwischen den gesamten Dirigenten-Himmel als Sternschnuppen erhellen.
Aber der Klassik-Jet-Set ist anstrengend. Ein Jo-Jo für die Seele – und für den Körper! Eine andauernde Ereignismaschine, die von Ihnen Wunder-Momente in Dauerschleife erwartet. Ein Energiefresser. In Boston, in Leipzig – überall!
Auch beim Gewandhaus standen Sie in der Kritik: Zu teuer! Zu ausgelaugt. Das Orchester hatte bereits fremd geflirtet. Vielleicht ein Dirigent mit mehr Feingefühl und Spontanität aus der Oper? Ein Orchesterleiter, der wieder eine Langzeit-Vision für das Orchester entwickelt? Am Ende entschied man sich dann doch für Sie. Aus Angst vor Veränderung? Bis 2032! Das ist eine lange Zeit! In Boston läuft Ihr Vertrag unbefristet.
Aber manchmal braucht man auch gar keine Kritiker und kein Orchester, um einen Schritt zurückzutreten und nach dem Sinn des Ganzen zu fragen.

