Wie klingt Musik für Gehörlose?

Juni 17, 2025
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»Miteinander Hören« Sonderkonzert des Freiburger Barock Orchesters (Foto: Fischer)

»Miteinander Hören« heißt das gemeinsame Projekt des Freiburger Barockorchesters und des Freiburger Instituts für Musikermedizin – es soll Menschen mit Hörbeeinträchtigung das Konzert schmackhaft machen.

English summary: The project Miteinander Hören offers immersive concerts for the hearing impaired, using sound, visuals, and vibrations to make music physically and emotionally accessible—even with cochlear implants.

Der erste Paukenschlag im Halbdunkel geht durch Mark und Bein. Die Dissonanzen von Streichern und Cembalo bedrängen, die Piccoloflöten erschrecken. Les Elements von Jean-Féry Rebel beginnt mit Le Chaos. Musik als elementare Kraft – erlebbar mit dem ganzen Körper.

Komponiertes Chaos, das aufwühlt. Das Freiburger Barockorchester ist bekannt für seine plastischen, klanglich geschärften Interpretationen. Aber an diesem Nachmittag im Freiburger Ensemblehaus ist die Wirkung dieser Musik noch viel stärker. Das Publikum sitzt in der Mitte und ist umgeben vom Orchester. Jeder Besucher darf seinen Hocker dorthin stellen, wo er möchte (Ausstattung: Fenja Garbe). Und während des Konzertes seinen Platz wechseln. Auch die Musikerinnen und Musiker ändern zwischen den Werken ihre Position. Die Trompeter spielen mal von hinten, mal von vorne. Die Violinen sind erst ganz nah, dann weit entfernt.  Der sonst so leise, kaum wahrnehmbare Klang der Laute ist durch die geringe Hördistanz eine echte Offenbarung. Auch optisch wird das Konzert durch die Nähe zum besonderen Erlebnis. Man kann die Tonerzeugung sehen:  die angespannten Gesichtsmuskeln der Bläser, die Bogenstriche und die Schlägel, die das Paukenfell in Schwingung versetzen. 

Laufende Datenanalyse

»Miteinander Hören« heißt das gemeinsame Projekt des Freiburger Barockorchesters und des Freiburger Instituts für Musikermedizin (FIM), das von der Hochschule für Musik und dem Universitätsklinikum getragen wird. Das mit Bundesmitteln geförderte Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen mit Höreinschränkungen besser in das Konzertleben zu integrieren. »Es interessiert uns, welche Bedeutung eine Hörbeeinträchtigung hat für den Konzertbesuch, für die Wahrnehmung von Musik und den Hörgenuss«, sagt Claudia Spahn, die gemeinsam mit dem HNO-Arzt Bernhard Richter das FIM leitet. Bei der detaillierten Publikumsbefragung im Herbst möchte man aber auch Antworten von Personen ohne Höreinschränkung bekommen, um zu erfahren, wie sich das Musikhören generell auf das Wohlbefinden auswirkt. Nach der genauen Datenanalyse steht in einem dritten Schritt ein Sonderkonzert am 23. März 2026 im Konzerthaus an, in dessen Gestaltung die gewonnenen Erkenntnisse fließen sollen. 

Dass beim besuchten dritten Konzert am Sonntagnachmittag im Ensemblehaus die Zielgruppe des Formats, also Menschen mit Höreinschränkung, weitgehend fehlt, kann Hans-Georg Kaiser, Intendant des Freiburger Barockorchesters, nicht erklären. »Vielleicht liegt das an der Tabuisierung des Themas in der Gesellschaft. Oder am für unser Abo-Publikum ungewohnten Ort.« Dass auch Menschen, die ein Hörgerät tragen, dieses Konzert, das mit Live Visuals (Sebastian Rieker) und einer dezenten Choreographie (Friederike Rademann) zusätzliche Reize bietet, ein intensiveres Musikerlebnis schenken könnte, steht für Kaiser außer Frage. Inklusiv ist es vor allem deshalb, weil es Personen ermöglicht, Musik sinnlich zu erleben, die sonst gar keine Musik hören können.

»Total berührt«

Eine davon ist Ulrike Berger, die ein sogenanntes Cochlea Implantat trägt, eine Hörprothese für Gehörlose und Ertaubte. Sie wurde von Projektleiter Andreas Heideker direkt angesprochen und hat sich wie sechs weitere Personen mit Cochlea (Gehörschnecke) Implantat am Vortag auf den Weg ins Ensemblehaus gemacht. »Wir waren alle total berührt. Ich selbst hatte die Schuhe ausgezogen und spürte so die Vibrationen am Boden, aber auch das Sitzkissen leitete diese weiter.« Seit Jahren hat die Geschäftsführerin der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft (DCIG) kein Konzert mehr gehört, weil Musik durch das elektrische Hören verzerrt klingt. 22 Kanäle können die fehlenden 10 000 Hörsinneszellen nicht ersetzen. Während des Konzertes setzte sich Berger zwischen Laute und Cello. »Da ich mich auf diese beiden Instrumente konzentrieren konnte, hörte ich die Melodien sehr gut. Und durch meine Hand am Cembalo nahm ich die Tonschwingungen wahr. So kam auch die Harmonie und damit die Musik selbst bei mir wunderbar an.«

Auch Georg Philipp Telemanns Ouvertüre La Bourlesque, Jean Philippe Rameaus Suite aus Les Boréades und Jean-Michel Delalandes Trompetenkonzert (Solo: Jaroslav Roucek, Karel Mnuk) wird durch den Raumklang zu einem besonderen Hörerlebnis. Konzertmeister Gottfried von der Goltz bewegt sich noch ein wenig mehr als sonst, um auch die Musikerinnen und Musiker in seinem Rücken mitzunehmen. Die Motive wandern durch den Raum, das Zusammenspiel klappt trotz der ungewohnten Aufstellungen ausgezeichnet.  »Anders ist immer gut«, sagt von der Goltz im Gespräch nach dem Konzert. »Auch die Nähe des Publikums war für uns besonders. Mitten im Getümmel zu sein und nicht distanziert auf einer Bühne zu stehen – das belebt unser Spiel.«

Georg Rudiger

Georg Rudiger hat Musikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Freiburg und Wien studiert. Er beobachtet von Freiburg aus das Musikleben im Südwesten Deutschlands, der Schweiz und dem Elsass - als fester Freier für die Badische Zeitung, überregional u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, neue musikzeitung und Der Tagesspiegel. Er ist bei wichtigen Musikfestivals und Opernpremieren (Jurymitglied der Opernwelt), gelegentlich auch Rock- und Jazzkonzerten.

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