Die Zeit von Markus Hinterhäuser bei den Salzburger Festspielen scheint abzulaufen. Es könnte sein, dass schnell ein Nachfolger gefunden werden muss. Die Liste möglicher Kandidaten ist lang. Wer ist in der Zeit des Umbruches am geeignetsten? Eine kleine Kandidatenschau.
Matthias Schulz

Aktuelle Situation:
Der 1977 in Bad Reichenhall geborene Kulturmanager ist derzeit Intendant am Opernhaus in Zürich, vorher leitete er die Staatsoper in Berlin und das Mozarteum in Salzburg.
Qualifikation:
Große Nähe zu Salzburg. Schulz war Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Mozarteums und leitete das Konzertgeschäft der Festspiele, er kennt den Betrieb und die Protagonisten. Außerdem kann er mit großen Tankern und schwierigen Künstlerpersönlichkeiten (wie Barenboim an der Staatsoper) umgehen. Größter Vorteil: Schulz verbindet die in Salzburg nötigen Management-Qualitäten mit künstlerischer Arbeit. Er ist ebenfalls Pianist wie Hinterhäuser.
Nachteile:
Weder an der Berliner Staatsoper noch am Haus in Zürich ist es ihm wirklich gelungen, eine eigene künstlerische Handschrift zu entwickeln. Schulz setzt auf große Namen, favorisiert Vielfalt, bleibt selber aber einigermaßen blass. Er hat gerade erst als Intendant in Zürich begonnen – aber ein Notruf an seine alte Wirkungsstätte würde ihn sicherlich locken.
Wahrscheinlichkeitsfaktor:
Große Wahrscheinlichkeit. Schulz scheint gerade für die Übergangsphase und die Umbau-Spielzeiten geeignet. Außerdem kann es ihm gelingen, die aufgeheizte politische Situation zu beruhigen, da er die wichtigen Player vor Ort kennt und auch innerhalb der Betriebe als besonnener und kühler Kopf gilt.
★★★★☆
Barrie Kosky

Aktueller Erfolg:
Der 1967 im Melbourne geborene Regisseur hat als Intendant Maßstäbe gesetzt, als er die Komische Oper in Berlin gegen die Staatsoper und die Deutsche Oper als Hotspot der Stadt positionierte. Derzeit ist Kosky als Regisseur tätig.
Qualifikation:
Kosky könnte – trotz seines eigenen Alters – die Ästhetik und die Ausrichtung der Festspiele verjüngen und die in die Jahre gekommenen Regisseur-Namen der Hinterhäuser-Ära durch junge Künstlerinnen und Künstler ersetzen. Seine Festspiele wären diverser, bunter – und endlich mal wieder besser gelaunt! Kosky hat an der Komischen Oper bewiesen, dass er auch Intendant kann.
Nachteile:
Der Schwerpunkt Koskys liegt auf der Kunst. Er ist ein Herzblut-Regisseur. Aber jetzt brauchen die Festspiele in erster Linie einen Kulturmanager, der gerade auch in turbulenten Zeiten diplomatische Beziehungen in die Politik pflegt und ökonomische Beziehungen in die Wirtschaft hat. Hat Kosky auf diesen Intendanten-Aspekt überhaupt Lust?
Wahrscheinlichkeitsfaktor:
Eher gering. Auf der einen Seite könnte Kosky spontan einspringen und kennt Salzburg. Auf der anderen Seite hat er die Komische Oper verlassen, um wieder als Regisseur zu arbeiten. Gerade in der Umbruchszeit mit der Schließung von Spielstätten wäre in Salzburg wohl mehr Management-Arbeit nötig als Kosky Lust hat.
★★☆☆☆
Elisabeth Sobotka

Aktueller Erfolg:
Die 1965 in Wien geborene Intendantin leitete die Bregenzer Festspiele sehr erfolgreich und ist nun Intendantin der Staatsoper unter den Linden in Berlin.
Qualifikation:
Sobotka kennt sich aus in Österreich und seiner kulturpolitischen Landschaft. Sie hat am Anfang ihrer Karriere im künstlerischen Betriebsbüro der Festspiele gearbeitet und war jahrelang Chefdisponentin an der Wiener Staatsoper. Sie hat das Opernhaus in Graz mit einem klugen und modernen Programm in der deutschsprachigen Opernlandschaft positioniert und bei den Bregenzer Festspielen gezeigt, dass sie auf der einen Seite große Festspiele kann, auf der anderen aber auch auf spannende künstlerische Entdeckungen (in der Hausoper) setzt.
Nachteile:
Sobotka ist es in Berlin bislang nicht gelungen, künstlerische Akzente zu setzen. Ihre Arbeit bedient ein oft gleiches Netzwerk von Künstlerinnen und Künstlern – innovative und neue Wege sind nur wenig zu sehen. Die Bregenzer Festspiele unterscheiden sich massiv von jenen in Salzburg, wo es auch darum geht, dramaturgische Akzente gegen andere Künstler-Charaktere durchzusetzen. In Berlin konnte Sobotka sich noch nicht aus dem Schatten Christian Thielemanns befreien und die auf sie gesetzten Hoffnungen erfüllen.
Wahrscheinlichkeitsfaktor:
Kompromisskandidatin. Sobotka könnte Ruhe in die Salzburger Aufgeregtheiten bringen und den Umbau mit Fleiß managen. Gleichzeitig verfügt sie über allerhand Beziehungen zu großen und schillernden Namen.
★★★☆☆
Nikolaus Bachler

Aktueller Erfolg:
Der 1951 in der Steiermark geborene Intendant ist derzeit Leiter der Salzburger Osterfestspiele und holt hier gerade die Berliner Philharmoniker zurück an die Salzach.
Qualifikation:
Nachdem er die Wiener Volksoper erfolgreich leitete, wurde die Bayerische Staatsoper in München Bachlers wahrem Meisterwerk: Ein internationales Spitzenhaus mit Weltklasse-Stimmen und Kirill Petrenko als Chefdirigent. Bachler hat ein Auge für Modernität und pflegt die Tradition. Er kennt Salzburg und Österreich in- und auswendig. Er war Hinterhäusers großer Rivale – nun könnte er ihn beerben.
Nachteile:
Das Alter: Mit 75 Jahren eine neue Ära zu beginnen, ist ambitioniert aber nicht unmöglich. Das Alter könnte auch Bachlers Vorteil sein. Er wäre ein perfekter Übergangskandidat. Allerdings könnte ihm auch seine Eitelkeit im Wege stehen – als Diplomat ist er nicht gerade bekannt.
Wahrscheinlichkeitsfaktor:
Der Übergangskandidat. Bachler hätte eine Chance, wenn es darum geht, einen erfahrenen Mann für die Umbauzeit zu finden. Er wäre eine Garantie für große Namen und ausgefallene Programme in den Umbaujahren. Außerdem kann er die Festspiele innerhalb der Stadt managen und hat internationale Ausstrahlung.
★★★☆☆
Christoph Lieben-Seutter

Aktueller Erfolg:
Der 1964 in Wien geborene Kulturmanager leitet die Elbphilharmonie in Hamburg seit ihrer Gründung und steht für ein Klassik-Geschäft, das auf Stars und Publikumserfolge setzt.
Qualifikation:
Lieben-Seutter hat die Elbphilharmonie zu dem gemacht, was sie ist: Ein architektonischer Ort, der mit populärem Klassik-Programm bespielt wird. Er ist »Schüler« von Alexander Pereira, kennt Österreichs Kulturinstitutionen und ist ein kluger Manager der Kunst.
Nachteile:
Lieben-Seutter hat kaum Opern- und Schauspielerfahrung. Seine Programme sind nicht innovativ, und ihm könnte seine eigene Eitelkeit im Wege stehen. Er ist innerhalb der Klassik-Szene nicht sehr beliebt.
Wahrscheinlichkeitsfaktor:
Unwahrscheinlich. Lieben-Seutter steht eigentlich auf keiner Salzburger Liste, warum sollte er sich die Festspiele im Chaos auch antun und dafür sein Wohnzimmer in Hamburg verlassen? Höchstens aus Ösi-Nostalgie.
★☆☆☆☆
Viktor Schoner

Aktueller Erfolg:
Der 1974 in Osterode geborene Intendant zeigt an der Staatsoper in Stuttgart, wie man ein Opernhaus mitten in der Zeit positionieren kann: Provokant und erfolgreich.
Qualifikation:
Schoner war persönlicher Referent Gérard Mortier in Salzburg und bei der Ruhrtriennale. Dann ging er als Directeur de la coordination artistique nach Paris und als Bachlers Betriebsdirektor an die Bayerische Staatsoper. Überall hat er große Erfahrung gesammelt und Tradition und Moderne miteinander verbunden. Als Manager ist er souverän im Umgang mit Skandalen und wird innerhalb seiner Häuser als besonnener Intendant geschätzt. Schoner umweht das Weltmännische. Er ist ein Konzept-Intendant, ein kluger Kommunikator und hat auch genügend Salzburger »Stallgeruch«.
Nachteile:
Vielleicht halten manche Schoner für zu jung für den Posten des Festspiel-Intendanten. Mit ihm würde man sich auf jeden Fall jemanden holen, der das Programm der Festspiele neu ausrichten wird – aber ist das in Salzburg dafür schon bereit?
Wahrscheinlichkeitsfaktor:
Auch Schoner ist eher ein Überraschungskandidat, könnte aber eine langfristige Lösung für Salzburg werden. Es ist nicht auszuschließen, dass er Salzburger Festspielintendant wird – vielleicht muss er dafür noch eine Runde warten.
★★★★☆
Matthias Naske

Aktueller Erfolg:
Der 1963 in Wien geborene Kulturmanager führt das Konzerthaus in Wien mit solidem und breitgefächertem Programm.
Qualifikation:
Eine typisch österreichische Kultur-Karriere. Naske war Generalsekretär der Jeunesse Musicale und ist seit 2013 Intendant des Konzerthauses in Wien. Das betreibt er sehr geschickt, setzt auf ein vielfältiges Programm und öffnet das Repertoire – gleichzeitig gelingt es ihm, die großen Namen der Musik ans Haus zu binden.
Nachteile:
Dem Kulturmanager fehlt nicht nur Opern-Erfahrung, sondern auch das internationale Format. Er regiert sein Haus eher selbstgefällig und hat – etwa in der Debatte um Teodor Currentzis – erst spät reagiert und ist als Zeichnungsberechtigter der MusikcAeterna Stiftung in Liechtenstein zurückgetreten. Er steht sicher nicht für das moderne, kommunikative Intendantenbild.
Wahrscheinlichkeitsfaktor:
Unwahrscheinlich.
★☆☆☆☆
Serge Dorny

Aktueller Erfolg
Der 1962 im belgischen Wevelgem geborene Opernintendant leitet die Münchner Staatsoper seit 2021 und hatte sich schon in der letzten Runde gegen Hinterhäuser bei den Salzburger Festspielen beworben.
Qualifikation:
Dorny ist ein gestandener Kulturmanager. Internationale Aufmerksamkeit erreichte er als Chef des Opernhauses in Lyon. Dort war Dorny finanziell erfolgreich und hat gleichzeitig die Moderne gefördert. Eine Berufung nach Dresden an die Semperoper scheiterte am Zwist mit Christian Thielemann. Seit 2021 leitet er die Staatsoper in München und setzt hier die Bachler-Ära fort: Große Namen, die Integration der Oper in die Stadtgesellschaft und neue digitale Formate.
Nachteile:
Dorny kann anecken und erzeugt immer auch Reibung – er ist kein einfacher Charakter. Doch gerade nach Hinterhäuser könnte bewusst ein Manager gesucht werden, der auch vermitteln kann.
Wahrscheinlichkeitsfaktor:
Bei vielen noch immer der Favorit. Durchaus möglich, dass Salzburgs Kulturpolitik Dorny für den Mann hält, der das Chaos ordnen und neue Impulse für die Zukunft setzen kann.
★★★★☆

