
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
heute mit Andris Nelsons Abgang in Boston, Paavo Järvis Ankunft in London, mit einem tollen Bach-Buch und Salzburger Kaffeesatzleserei.
Das Dirigentenkarussell
Gleich zwei Dirigenten-Meldungen sorgten diese Woche für Aufhorchen: Boston hat seinen Vertrag mit Andris Nelsons aufgekündigt – man habe unterschiedliche Auffassungen über die Zukunft, hieß es recht humorlos in einer Erklärung des Orchestermanagements. Vorausgegangen war heftige Kritik auch von US-Journalisten. Erst kürzlich hatte David Allen von der New York Times geschrieben, unter Nelsons würde das Orchester stagnieren. Sein Repertoire: zu klein. Sein Dirigierstil: zu oberflächlich. Seine Tanzrhythmen: erschlafft. Und auch bei BackstageClassical hatten wir schon vor einigen Wochen gefragt, ob Nelsons noch der Richtige für Leipzig sei. Dort hat man den Dirigenten von 2027 an nun wohl allein. Oder doch nicht? Die Musikerinnen und Musiker in Boston kritisierten die Entscheidung ihres Vorstandes. Turbulente Zeiten! Ein weiteres Orchester tut sich derweil Paavo Järvi an: der Chef des Tonhalle-Orchesters und der Kammerphilharmonie Bremen wird von 2028 an zusätzlich auch noch das London Philharmonic Orchestra leiten.

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Ein bisschen zu viel Aufregung
Boah, was sind wir Klassik-Leute diese Woche ausgeflippt, nur weil Hollywood-Schauspieler Timothée Chalamet erklärte, dass er nicht in einer Branche arbeiten wolle, die vor dem Ende stünde und die keinen interessiere – »so wie das Ballett oder die Oper«. Auf Instagram reagierten so ziemlich alle Opernhäuser, indem sie Schlussapplause hinter die Worte des Schauspielers schnitten. Eine recht einfallslose und selbstgefällige Antwort (immerhin: das Opernhaus Zürich hat dem Wonka wenigstens das Monster Gorgonzilla entgegengesetzt). Dabei war Chalamets Interview weitgehend aus dem Zusammenhang gerissen (es ging ihm um den Umgang mit Genres, die in der Krise stecken). Klar, er hat nur wenig Ahnung von Oper, aber trotzdem traf er den wunden Nerv der Klassik-Welt: die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit. Ein bisschen weniger Betroffenheit und ein bisschen mehr Humor hätte uns allen gut getan (hier mein Brief an den Schauspieler).
Fingerübungen mit Bach
Vielleicht ein bisschen spät, aber ich habe erst diese Woche den kleinen Band Das Havelberger Konzert mit Bach-Novellen von Christoph Hein gelesen: Leichte, beschwingte Erzählungen über das Leben (und Sterben) des Komponisten, über seinen Kampf um musikalische Qualität und seine Augenoperationen, für die Bach von einem Quacksalber und Scharlatan gefesselt und mit Nadeln im Augapfel malträtiert wurde. Nach Heins Mammutwerk, dem Narrenschiff, nutzte der Schriftsteller (wie viele Musiker auch) nun offenbar Bach, um seine Gedanken neu zu schärfen. Ein Buch wie eine Suite, das ich hier ausführlicher beschreibe.

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Salzburger Gedankenspiele
Es ist erstaunlich, wie einige Jungs aus dem Feuilleton sich weiterhin an der Vergangenheit abarbeiten und das Ende des Abendlandes an die Wand malen, nur weil sich die verantwortliche Kulturpolitik in Salzburg von einem Intendanten trennen will, der sich seit einiger Zeit vielleicht einige Entgleisungen zu viel geleistet hat (hier mein Brief an Ioan Holender, einen dieser Mecker-Männer). Dabei scheint der Kampf entschieden: Markus Hinterhäuser wird die Festspiele früher oder später verlassen, und die Frage um die Zukunft ist spannender als die gekränkten Egos der Vergangenheit. Die nächste spannende Frage ist: Wird Kristina Hammer als Festspiel-Präsidentin verlängert? Sie kämpfte intern zuweilen zwar gegen, öffentlich aber sehr wohl an der Seite Hinterhäusers (sie hat die verlorene Klage gegen BackstageClassical ebenfalls eingereicht). Eine Zukunft ohne Hammer wäre ein echter Neustart. In Berlin kämpft Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson gerade um ihr politisches Überleben (spätestens die kommende Wahl könnte ihr gefährlich werden). Sie ist eine Salzburg-Kennerin, und es ist nicht ausgeschlossen, dass mit ihr ein vollkommener Neustart an der Salzach beginnt (hier unsere Einschätzung der Chancen einzelner Intendanten erweitert um einige Kandidatinnen). So oder so: Ich bin ziemlich sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die derzeitigen Krawallschreiber nach Hinterhäusers Hintern einen neuen finden werden, in dem sie überwintern wollen.

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Briefe von Brüggi
gingen diese Woche an:
- Blonde als Stellvertreterin aller Bühnenfrauen
- Ioan Holender, den ewigen Meckerer
- Eliška Weissová, die in Wien ausgebuht wurde
- Timothée Chalamet, der die Klassik beleidigte
Es lebe die Provinz!
Ich wurde neulich vom Bühnenmagazin Toi! Toi! Toi! gefragt, wie ich die Zukunft der Oper einschätze. Ich habe das zum Anlass genommen, meine eigene Klassik-Sozialisation in Bremen zu erinnern, und bin ziemlich schnell darauf gekommen, dass wir uns wieder bewusst werden müssen: Theater sollten die Triebkräfte unserer Städte sein, Räume zum Freidenken, Orte, an denen Moral und Ästhetik außerhalb der politischen Ideologien verhandelt werden. Hier mein kleines Gedankenspiel dazu.

Personalien der Woche
Die Epstein-Files sorgen auch diese Woche für Aufmerksamkeit. Ich habe selber mal nachgeschaut, und war verblüfft von der Größe der Daten. Viele Klassik-Künstler tauchen auch deshalb in den Files auf, weil hier auch die Newsletter, etwa der Metropolitan Opera gespeichert sind, die Epstein abonniert hatte. Aber es tauchen auch die Namen von Dirigent Frédéric Chaslin und Pianist Simon Ghraichy mehrfach auf. Beide weisen jede Verbindung zu dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zurück. +++ Vor 10 Jahren ist der Dirigent Nikolaus Harnoncourt gestorben. Es ist erstaunlich, wie viele Dirigenten, die zu Lebzeiten wichtig waren, nach ihrem Tod in Vergessenheit geraten. Bei Harnoncourt ist das anders. Ich durfte ihn auf einer Reise nach Japan begleiten, habe immer wieder mit ihm geschrieben, ihn am Attersee besucht, und mich mit ihm ausgetauscht – er hat unter anderem auch zu meinem Jugendbuch über die Geschichte der Musik (Wie Krach zu Musik wird) mitgewirkt. Als Erinnerung bringen wir ein XXL-Interview mit ihm: über die Kriegsgeneration, die Klangsprache und die »Knödeltheorie«.
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier. Der Beginn dieses Jahres war für mich persönlich ein dreifacher Exkurs in die Welt der Theater- und Orchesterpraxis. Dort, wo die Musik sich um die Menschen kümmert, wo sie sich in das Leben und die Geschichten der Leute einklinkt, wird sie auch ernst genommen. Da war die Entführung aus dem Serail, die ich in einem Dönerladen in Neustrelitz spielen ließ, oder die Hamburger Version von Peter und der Wolf auf St. Pauli rund um den Kiez-Mörder Mucki Pinzner, die vier Mal im ausverkauften Tivoli spielte (mit GMD Omer Meir Wellber): Es ist gerade vielleicht weniger die Zeit der großen Ideologien als die Zeit der all zu menschlichen (und intimen) Geschichten. Ich bin sicher, dass sich auch Leute wie Timothée Chalamet für Klassik begeistern ließen. Das habe ich erlebt, als Jan Böhmermann diese Woche zu Gast in meinem Musik-Talk Playlist bei den Bremer Philharmonikern war und vollkommen glaubhaft vom Klang des Orchesters überwältigt wurde. Böhmermann ließ sich im wahrsten Sinne des Wortes vom Orchester »berühren«. Meine kleinen Ausflüge in die Welt der Praxis zeigen mir: Die Musik lebt – und zwar am besten mitten unter den Menschen!
In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif.
Ihr
Axel Brüggemann


