Venezuela, Grönland, Kennedy-Center

Januar 10, 2026
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Neuer Name neuer Geist (Foto: Kennedy Center)

Donald Trump entführt den Präsidenten von Venezuela und überlegt, Grönland zu annektieren. Das Kennedy Center in Washington hat er schon lange in seine Propagandamaschine integriert. Kleine Geschichte einer großen Übernahme. 

English summary: Trump’s second term saw aggressive power grabs: talk of seizing Venezuela’s president, plans to annex Greenland, and turning Washington’s Kennedy Center into a partisan, patriotic propaganda venue.

Wie wichtig Kultur für Donald Trumps Öffentlichkeitsarbeit ist, zeigte sich schon kurz nach seinem zweiten Amtsantritt als Präsident. Schnell besetzte er den Vorstand des Kennedy Center mit langjährigen Wegbegleitern. Die Tradition des Hauses als parteiübergreifende Institution wurde ebenso aufgekündigt wie die kulturelle Pluralität auf der Bühne. Verantwortlich dafür ist besonders der ehemaligen US‑Botschafter Richard Grenell, der heute Programm und Personal des Hauses im Sinne des Präsidenten organisiert. Und das hat er schnell und tiefgreifend in Angriff genommen. 

Programm mit allerhand Patriotismus

Schnell ließ Grenell eine inhaltliche Neuausrichtung auf den strukturellen und personellen Wandel folgen. Sein Programm schwenkte um auf konservative, religiös grundierte und patriotische Stoffe. Programme zu Themen wie Rassismus, LGBTQ oder indigener Geschichte wurden ausgedünnt. Außerdem wird nach Trumps Auffassung so programmiert, dass Kultur sich am besten selbst trägt. Eine Philosophie, die besonders risikoreiche oder sozial engagierte Projekte am Kennedy-Center unter Druck setzt.

All das führte zu einer Welle prominenter Absagen. Musikerinnen und Musiker wie Stephen Schwartz, Renée Fleming oder Ben Folds protestierten, ebenso wie die Jazzband The Cookers oder Issa Rae, Louis Penny und Low Cut Connie. Auch die Alvin Ailey American Dance Theater Company tritt nicht mehr am Kennedy Center auf, obwohl sie über viele Jahre hinweg fester Bestandteil des Spielplans war. 

Finanzielle Auswirkungen

Der Protest zeigt erste finanzielle Auswirkungen: Die Ticketverkäufe brachen ein, Silvesterkonzerte, Weihnachtsveranstaltungen und die Kennedy Center Honors verzeichneten Rückgänge bei Einschaltquoten und Besucherzahlen. Außerdem kündigte die Washington National Opera ihren Ausstieg an, Klagen wegen abgesagter Events belasten die Bilanz zusätzlich.

Donald Trump im Kennedy Center (Foto: White House, Facebook, Torok)

Indes treten vermehrt Künstlerinnen und Künstler aus dem konservativen Spektrum auf, es wurden Veranstaltungen der Conservative Union Foundation sowie Vorführungen religiös geprägter Filmproduktionen angesetzt.

Während Donald Trump im Juni 2025 noch ausgebuht wurde, als er mit seiner Frau Melania die Premiere von Les Misérables besuchte, nutzt er die Bühne des Kennedy-Centers inzwischen immer öfter zur Selbstdarstellung – zuletzt in einer Gala zum FIFA World Cup 2026, bei der FIFA-Chef Gianni Infantino dem US-Präsidenten einen neu erfundenen FIFA-Friedenspreis überreichte. 

Auftritte des Präsidenten im Haus

Trump fühlt sich offensichtlich als Herrscher über das Kennedy Center, so verlegte er eine Sitzung des Aufsichtsgremiums in sein Domizil nach Florida und inszenierte die Zusammenkunft als mehrtägiges Ereignis mit programmatischen Reden zu seiner »Vision für ein Goldenes Zeitalter von Kunst und Kultur«. Diese »Vision« wurde unter anderem von Dekreten begleitet, die das Smithsonian zwingen, die US-Geschichte positiv darzustellen, das National Endowment for the Arts stoppen und Zölle auf ausländische Filme vorsehen.

Legendär war Trumps  Moderation der 48. Kennedy Center Honors im Dezember 2025. Das erste Mal, dass ein amtierender US-Präsident die Gala persönlich leitete. Zuvor hatte Trump das Kuratorium übernommen und 98 Prozent der Geehrten selbst ausgewählt. Trump kündigte Preisträger wie Sylvester Stallone, die Band Kiss und Gloria Gaynor an. Die Medaillen wurden ohne traditionelles Regenbogenband neu gestaltet. 

Kritik, Untersuchungen und finanzielle Folgen

Der tiefgreifende Umbau hat politischen und finanziellen Gegenwind ausgelöst. Demokratische Abgeordnete werfen dem Präsidenten vor, das Haus zu einem exklusiven Treffpunkt für Verbündete zu machen, und haben Untersuchungen zur Mittelverwendung angestoßen, die den Vorwurf eines »Privatclubs« auf Kosten der Öffentlichkeit prüfen sollen. Nach Angaben aus dem Umfeld des Centers hatten Absagen prominenter Gruppen bereits messbare finanzielle Auswirkungen. Die Leitung bestreitet das und verweist auf gestiegene Sponsoreneinnahmen. 

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