Der Klassik-Journalismus war schon immer Laufsteg schriller Eitelkeiten, aber jetzt ist es an der Zeit, die Kultur wieder mit ernsthaftem Journalismus zu begleiten. Die Welt ist zu gaga für Feuilleton-Operetten.
English summary: The article argues that parts of classical music journalism have become a stage for eccentric personalities and self-promotion rather than serious critique. It criticizes superficial commentary, lack of expertise, and declining editorial standards. The author calls for a renewed commitment to rigorous analysis, informed perspectives, and responsible journalism to restore credibility and quality in cultural discourse.
Die Zeit ist vorbei, dass Kunst als Ausdrucksform eines unangreifbaren Genies begriffen wurde. Es hat ein wenig gedauert, aber inzwischen ist in den meisten musikalischen Institutionen angekommen, dass Führung mit Anstand gute Kunst nicht ausschließt. In der Klassik-Branche sind Intendantentypen wie Uwe Eric Laufenberg in Wiesbaden oder Guy Montavon in Erfurt Auslaufmodelle. Dirigenten wie Gustav Kuhn oder Charles Dutoit werden kaum noch gebucht, selbst François-Xavier Roth wird beim SWR vom eigenen Publikum ausgebuht. Und bei der Verpflichtung von Künstlerinnen und Künstlern geht es inzwischen auch darum, ob sie auf der einen Seite Beethovens Humanismus predigen und auf der anderen Putins Krimsekt trinken. Selbst inhaltlich rückt die Bühne immer weiter ins Zentrum unserer Gesellschaft, befragt Mozart, Wagner oder Nono aus unserer Gegenwart heraus.
In vielen Kulturinstitutionen hat sich all das erst spät durchgesetzt – später als in so manchem DAX-Konzern. Und bei einigen Kulturjournalistinnen und Kulturjournalisten scheint dieser Wandel noch immer nicht ganz angekommen zu sein. Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet in einigen Traditions-Feuilletons noch immer das Märchen des ungezügelten Genies fortgeschrieben und die Kunst als geniales Machotum verteidigt wird.
Dinosaurier der alten Welt
Derzeit ist das besonders gut in der Berichterstattung über die Salzburger Festspiele zu beobachten. Intendant Markus Hinterhäuser ist mehrfach durch Alleingänge aufgefallen, hatte sich emotional nicht immer im Griff, traf Entscheidungen jenseits des Teamgeistes. Nun reicht es dem Kuratorium – es will seinen Vertrag nicht verlängern, da er gegen eine »Wohlverhaltensklausel« verstoßen habe. Nicht nur die ehemalige FAZ-Musikredakteurin Eleonore Büning setzte sich daraufhin im VAN Magazin beherzt für Hinterhäuser und dessen Intendanz ein. Fühlt sie sich vielleicht an jene Zeit erinnert, als sie selber noch in Führungsverantwortung war und das FAZ-Klassik-Feuilleton mit energischer Hand leitete?
Auch der ehemalige Musikchef (und heutige freie Mitarbeiter) der Welt, Manuel Brug, gehört zu den passionierten Hinterhäuser-Verteidigern. Sein Kommentar-Rant richtete sich gegen eine vermeintliche politische Einflussnahme auf die Kunst. Dafür verrührte er kurzerhand das private US-Kultursystem, die rechtspopulistische Kulturpolitik Italiens und das Bemühen der Salzburger Kulturpolitik für Anstand bei der Leitung der Festspiele zu sorgen miteinander. Er verglich die Situation in Salzburg ernsthaft mit dem Rauswurf von Andris Nelsons in Boston und der Besetzung der Chefdirigenten am La Fenice durch Melonis rechtspopulistische Dirigentin-Freundin Beatrice Venezi.
Bastion des Elitismus
Könnte es sein, dass es einigen Dinosauriern des Klassik-Feuilletons gar nicht mehr um die Musik und ihre gesellschaftlichen Strukturen geht, sondern darum, dass sie im Wandel des Klassik-Geschäftes ihren eigenen Bedeutungsverlust spiegeln und deshalb mit einem merkwürdigen Furor aus Besserwisserei, Ignoranz und der Verteidigung von schlechtem Benehmen gegen ihn anschreiben?
Selbst für einen der letzten festangestellten Klassik-Redakteure des deutschsprachigen Feuilletons, Jan Brachmann bei der FAZ, scheint Kultur eine Art letzte Bastion des intellektuellen Klassismus zu sein. Wie sonst ist zu erklären, wenn er schreibt, dass man Hinterhäuser zugutehalten müsse, dass er grundsätzlich an einem »strengen Kunstbegriff« festhalte, und »dem Verblödungspopulismus der Klassik-Influencer den Einzug in den Festspielbezirk verwehrt.«
Wen meint Brachmann mit den »Klassik-Influencern«? All jene Medien, die nicht in gedruckter Form erscheinen oder hinter einer Bezahlschranke verschwinden wie seine FAZ? Kritisiert der Kritiker hier, dass sich auch in der Kultur seit vielen Jahren eine immer breitere Öffentlichkeit neben seiner eigenen entwickelt hat? Dass Opera Bert von den Opernhäusern mindestens so umworben wird wie früher die FAZ?
Natürlich kann man »Klassik-Influencer« kritisieren, ebenso wie »Musik-Blogs« oder »Klassik-Online-Magazine« (es wäre allerdings hilfreich, wenn man die Unterschiede kennen würde). Aber man sollte eben auch nicht leugnen, dass sie inzwischen oft mehr Einfluss haben als eine verlorene CD-Kritik auf dem Feuilleton-Seitenfuß in der FAZ.
Auslaufmodell Exzentrik
Selbst was das journalistische Handwerk betrifft, ist das klassische Feuilleton keine Garantie mehr für uneingeschränkte Qualität. Nur eine Kleinigkeit: Im gleichen Text wie oben erklärt Brachmann, dass Hinterhäusers Verpflichtung von Teodor Currentzis sowohl politisch als auch künstlerisch fragwürdig sei. Dass der Journalist lange nebenberuflich als Dramaturg für das Usedom Musikfestival mit dem vonGazprom gesponserten Baltic Sea Orchestra tätig war und selbst 2022, nach der russischen Großoffensive, noch eine ganz andere Meinung zu russischen Künstlern vertrat – all das lässt sich als späte Einsicht verbuchen.
Doch die entsprechenden Recherchen zu Currentzis und dessen Russland-Verbindungen wurden in erster Linie eben nicht von den Klassik-Kritikern der alten Feuilletons vorangetrieben. Meist waren es »Blogger« wie Alexander Strauch, »Klassik-Influencer« wie united24 oder »Online-Magazine« wie Opern.News oder BackstageClassical, die monatelang recherchiert haben und ihre Artikel auch vor Gerichten verteidigen mussten, bis ihre Recherchen zum common sense wurden. Die alten Feuilletons standen derweil oft an der Seitenlinie und haben ein wenig spöttisch zugeschaut.
Die ersten am Buffet
Und noch etwas: Während Online-Magazine in so genannten »Transparenzhinweisen« oft klar machen, in welcher Verbindung sie zu den Protagonisten ihrer Berichte stehen (oder Influencer, welcher ihrer Beiträge »Werbung« ist), kommt es im klassischen Feuilleton durchaus oft vor, dass Leserinnen und Lesern in unklaren darüber gelassen werden, wie die Autorinnen und Autoren der Blätter von Festivals eingeladen werden, Aufträge von Opernhäusern für Programmhefte erhalten oder bei ihnen für Vorträge bezahlt werden. Erst neulich legte sich Simon Strauß von der FAZ für den Salzburg-Intendanten ins Zeug, ohne transparent zu machen, dass die Festspiele ihn zuvor zu gleich zwei Veranstaltungen an die Salzach eingeladen hatten. Manchmal reicht es schon, sich bei einer Premierenfeier ans Buffet zu stellen, um zu schauen, wer sich hier zu erst bedient.
All das wäre in der Wirtschafts- oder Politikberichterstattung undenkbar. In der kriselnden Branche des Kulturjournalismus ist diese Art des Meinungsjournalismus allerdings zur Normalität geworden.
Dabei ist längst eine neue Zeit angebrochen, gerade auch in den Kultur-Institutionen. Hier, wo Politikerinnen und Politiker staatliche Zuschüsse verteidigen müssen, gehören Anstand und Transparenz inzwischen zur Norm. In den alten Dino-Feuilletons schwingt derweil noch immer Elitarismus mit. Einige Journalistinnen und Journalisten scheinen sich als letzte Gatekeeper der hehren Kunst zu verstehen. Wobei nicht wirklich klar ist, ob sie wirklich noch die Musik verteidigen, oder nur jene Stellung, die sie in dieser alten Welt früher selber einmal ausgefüllt haben: die Position der Autorität und der Macht. Ist das Wehklagen über das Ende der brutalen alten Klassikwelt also letztlich nur ein Wehklagen über das Ende der eigenen Rolle?
Jenseits der Welt
Schrullige Typen haben schon immer zur Welt der klassischen Musik gehört: Menschen, die sich auch im Alltag gern als Widergänger Thomas Manns verkleiden, operettenhafte Diven mit bösem Humor – und natürlich auch die etwas tantigen Oberlehrerinnen, deren Küsse immer etwas zu feucht und nur selten ernst gemeint sind. Es sind all diese Typen, die unsere verrückte Kunstwelt so wunderbar bunt machen. Früher haben wir sie ernst genommen – vielleicht etwas zu ernst. Heute drohen diese Leute selber zur Operette zu werden.
Ein grundlegendes Problem des Musikjournalismus ist sicherlich auch, dass die Musik selbst für viele Kritikerinnen und Kritiker zum alleinigen Kosmos geworden ist. Oft gehen ihre Texte dann in die Hose, wenn die Musik mit etwas Profanem verbunden werden soll: mit der Familie, dem Krieg, dem Frieden – oder dem Fußball.
Plötzlich wird da zeilenlang lang über Transgendertoiletten geschwafelt, oder es werden Fußball-Vergleiche aufgemacht, bei denen allzu offensichtlich wird, dass es mit der Fußball-Expertise des Klassik-Kritikers nicht weit her ist. Wenn er – etwa mit Blick auf Salzburg – behauptet, dass kein Verein einen erfolgreichen Trainer auf Grund schlechter Stimmung im Team entlassen würde. Was Louis van Gaal oder Thomas Tuchel wohl dazu sagen würden.
Bewahrt die klugen Köpfe
Es ist diese Weltfremdheit der Musikkritik, die in sich unzeitgemäß wirkt, während Klassik-Künstlerinnen und Künstler um so verzweifelter versuchen, ihre Kunst bewusst mitten in die Gesellschaft zu stellen. Der alte, schrullige Elitismus passt einfach nicht mehr in eine Zeit, in der Theater und Orchester andauernd in Frage gestellt und staatliche Unterstützung mit öffentlicher Relevanz verbunden wird.
In Zeiten wie diesen geht es schon lange nicht mehr darum, jeden Menschen in Konzerthäuser zu holen, aber darum, die Kunst und Kultur gerade bei jenen Menschen, die sie nicht besuchen, als Grundlage der Debattenräume unserer Gesellschaft zu verankern. Genau das ist aber ein schweres Unterfangen, wenn die öffentliche Meinung den Musik-Zirkus selber als Laufsteg der eigenen Eitelkeiten und schriller Egos begreift. Es ist an der Zeit, dass wir wieder gemeinsam den guten alten Slogan beleben: Hinter diesem Text steckt ein kluger – und kein kruder – Kopf.

