Können wir der Musik vertrauen?

April 1, 2024
2 mins read
Das Gebäude der Barenboim-Said Akademie in Berlin (Foto: Barenboim-Said Akademie, Volker Kreidler)

Alumni der Barenboim-Said-Akademie in Berlin-Mitte relativieren den Terror der Hamas. Aber könnten – und sollten – kulturelle Orte nicht der Verständigung dienen?

Es wäre zu schön, um wahr zu sein: Musik als Möglichkeit, die Welt ein wenig besser zu machen. Musik als Raum, in dem sich gegensätzliche Weltbilder im Geiste Mozarts oder Beethovens vereinen. Gerade in einer Welt der unlösbaren Konflikte scheinen unsere Hoffnungen auf die Musik in einem Maße zu wachsen, wie sich das Gefühl unserer Verlorenheit ausbreitet.

Seit vielen Jahren predigt der Dirigent Daniel Barenboim diese Hoffnung. Dabei warnte Barenboim stets davor, die Harmonie als Zustand des Gleichklanges misszuverstehen. Harmonie beinhalte für ihn stets die Dissonanz als selbstverständliches Spannungsfeld. Erst die Allgegenwart der Reibung erhebe Musik in Zeiten von Konflikten zur Basis eines konstruktiven Dialoges. Eine Idee, die auch dem West Eastern Divan Orchestra zu Grunde liegt: Reibung als Möglichkeit, die Perspektive von Juden, Christen und Muslimen im Dialog zu verschieben.

So weit die Theorie.

Seitdem Hamas-Terroristen am 7. Oktober israelische Kinder brutal getötet, Frauen auf barbarische Weise misshandelt und Menschen kaltblütig ermordet und verschleppt haben, und seit Israel in Gegenwehr den Gazastreifen in Schutt und Asche legt, scheint die Hoffnung vieler Menschen auf die heilende Kraft der Musik noch größer zu sein. Die Erwartungen an Institutionen wie das West Eastern Divan Orchestra oder die Barenboim-Said-Akademie, die der argentinisch-israelische Dirigent gemeinsam mit dem palästinensisch-US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Edward Said in Berlin gegründet hat, sind unerfüllbar hoch. An der Akademie werden Studierende aus Israel, den Palästinensichen Autonomiegebieten, dem Libanon, Ägypten und der Türkei unterrichtet. Ein musikalisches Pionierprojekt, das von derBeauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem Auswärtigen Amt gefördert wird.

»Ich habe weiterhin Vertrauen in die Akademie«

Claudia Roth (Ministerin für Kultur)

Konzerte des Akademie-Orchesters werden derzeit wie heilige Offenbarungen gefeiert. Die Süddeutsche Zeitungspricht bei Auftritten von einem »Wunder«, und Michael Barenboim, Sohn des Dirigenten und Leiter des Orchesters, wird als lebender Messias vorgestellt: »Wie er die Augen schließt, die Geige in der einen Hand, wie er schwer in diese geladene Luft ausatmet, wie er sich mit der anderen Hand über das junge, traurige Gesicht streicht. Dann zieht er die Brauen hoch und mit einem Blick dirigiert er wortlos die Runde.« Das ist selbst für Kriegszeiten sehr viel Pathos.

Worüber nationale und internationale Zeitungen kaum berichtet haben, waren Posts von Alumni der Akademie. Da forderte eine Studierende alle in Deutschland lebenden Ausländer auf, deutsche Geschäfte zu boykottieren, »aus Solidarität mit Palästina«. Ein anderer Post zeigte das Bild eines kämpfenden Palästinensers mit den Worten: »Seht, wie man das Fleisch von Menschen, aber nicht ihren Geist brechen kann.« Ein Alumni relativierte und rechtfertigte den Terror der Hamas auf Facebook: „Hamas bekämpft seine Besetzer, seine Kolonialisten, seine Unterdrücker, die seit fast 100 Jahren Straftaten an Palästinensern begehen, die 100 Mal schlimmer sind als die Taten vom 7. Oktober.“

»Sämtliche Äußerungen sind vom demokratischen Diskurs gedeckt.«

Carsten Siebert (Kanzler)

Carsten Siebert, Kanzler der Akademie, erklärt in einem Telefonat, sämtliche Äußerungen seien vom demokratischen Diskurs gedeckt. Dann schickt er eine Mail hinterher: »Alle Menschen in diesem Land haben zum Glück das Recht, sich frei zu äußern. Wir sind als Hochschule sogar in besonderer Weise zum Schutz und zur Pflege dieser Rechte verpflichtet.« Das Gleiche gilt wohl auch für einen Professor der Akademie, der Deutschland auf seinen Social-Media-Kanälen als »neue DDR« oder als »einen vom Ministerium für Staatssicherheit geführten Menschenzoo« interpretiert.

Auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth, aus deren Etat die Akademie ja mitfinanziert wird, will weiter an die friedensstiftende Wirkung der Musik glauben. Ein Sprecher lässt auf Anfrage wissen: »Wir haben Vertrauen in die Akademie, dass sie diese Debatten unter ihren SchülerInnen, LehrerInnen und Mitarbeitenden respektvoll führt. Keinen Zweifel haben wir, dass sich die Barenboim-Said-Akademie gegen Antisemitismus und Rassismus positioniert und dies auch zum Selbstverständnis aller dort gehört.«

Doch welche Bedeutung haben Konzerte mit Paul Hindemiths Trauermusik, wenn sie von bluttriefenden Insta-Posts begleitet werden? Stehen sie nicht im Widerspruch zu Daniel Barenboims Hoffnung auf gegenseitiges Verständnis durch die Erfahrung der Musik?

(Dieser Text erschien erstmals in »Der Freitag«)

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Ein Angebot, das er nicht ablehnen kann

Showdown: Das Festspielkuratorium der Salzburger Festspiele hat Markus Hinterhäuser ein Szenario offeriert, über das er nun bis zum 20. März nachdenken kann. Ein Kommentar.  

American Nightmares in der Klassik

Kultur-Diskurs zwischen Eskapismus und Widerstand: Hannah Schmidt und Axel Brüggemann debattieren im Podcast Takt & taktlos die aktuellen Themen der Klassik.

Das Reich der kulturellen Mitte

Kanzler Friedrich Merz ist in China. In Peking gastieren sowohl Valery Gergiev und sein Mariinksy Orchester als auch die Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko. Ein historischer Rückblick auf Europäisch-Chinesische Musik-Beziehungen.  

Liebe Papagenas,

Achtung! Achtung! Da draußen ist ein bunter Vogelfänger unterwegs. Er tarnt sich als Sänger. Früher war er Tenor, heute hat er Federn gelassen – tingelt als Bariton und Clown durch die Gegend.

Einspruch, Herr Wolffsohn

Michael Wolffsohn hat Karajan in seinem neuen Buch vom Nazi-Sympathisantentum weitgehend reingewaschsen. Nun widerspricht ihm der Karajan-Experte und Historiker Oliver Rathkolb. Er sagt: die Faktenlage spricht eine andere Sprache.

Fliegender Teppich ohne Magie

Bluescreen-Effekte prägen Händels »Tamerlano« bei den 48. Internationalen Händel-Festspielen Karlsruhe. Doch der eigentliche Zauber entsteht im Orchestergraben.
Bogdan Roščić Porträt

Lieber Bogdan Roščić,

meinten Sie wirklich den gerngroßen Medien-Mufti Mucha, der über Ihr Opernball-Musical-Programm polterte, als Sie George Bernard Shaw auf Instagram zitierten: »I learned long ago never to wrestle a pig. You get dirty

Liebe Stefanie,

seit der BR sich Dich als »Gesicht« für sein Klassik-Programm vorstellt, bist Du irgendwie anders geworden. Weißt Du noch, wie wir auf dem Flokati gelegen, Tristan gehört und Erdnussflips gegessen haben? Und

Epstein und die Klassik

In den Epstein Files kommen auch zahlreiche Klassik-Künstler vor – oft sollten sie das Image des kulturinteressierten Mäzen pflegen. 

Verpassen Sie nicht ...