Das Kuratorium der Salzburger Festspiele und Intendant Markus Hinterhäuser wollen – gemeinsam mit ihren jeweiligen Rechtsvertretern – im April nach einer Lösung suchen, in der es um die Beendigung der Intendanz geht. Das Kuratorium hat beschlossen, bereits eine Ausschreibung der Stelle vorzubereiten.
English summary: The board of the Salzburg Festival and artistic director Markus Hinterhäuser plan legal talks in April to resolve a dispute over the end of his contract. The board assumes it expires in 2026, while Hinterhäuser claims validity until 2031. Meanwhile, preparations for a new search have begun, signaling a likely split.
Das Kuratorium der Salzburger Festspiele und Markus Hinterhäuser haben zeitnahe Gespräche mit ihren jeweiligen Rechtsvertretern beschlossen. In diesen Gesprächen soll es um das Ende des Intendanz-Vertrages von Markus Hinterhäuser gehen. Das Kuratorium geht davon aus, dass Hinterhäusers Vertrag am 30.9.2026 ausläuft (es besteht ein Angebot an Hinterhäuser, bis 2027 im Amt zu bleiben). Markus Hinterhäuser sei nach Angaben des Kuratoriums der Auffassung, dass sein neuer Vertrag greift, der erst 2031 auslaufen wird. Ungeachtet der vereinbarten Gespräche hat das Kuratorium derweil beschlossen, eine neue Ausschreibung für die Intendanz vorzubereiten. Derzeit sieht alles nach einer raschen Trennung von Hinterhäuser aus.
Frischer Wind mit Hinterhäuser
Markus Hinterhäuser war am Anfang seiner Amtszeit zweifellos der richtige Mann an der richtigen Stelle. Die Salzburger Festspiele waren unter Alexander Pereira zu einem peinlichen roten Klassik-Teppich verkommen. Die Festspiele brauchten inhaltliche Erneuerung, intellektuellen Durchzug und einen Spielplan mit neuen Künstlerinnen und Künstlern, vor allen Dingen aber: moderne Aufbruchsstimmung.
All das hat Markus Hinterhäuser noch während der Amtszeit von Pereira jedem, der es hören wollte, in irgendwelchen Caféhäusern an der Salzach versprochen – und es dann auch geliefert. Er war ein Intendant zum Diskutieren. Er stand für offenen und gern auch kontroversen Diskurs. Für intellektuelle Tiefe. Für Experimente und Mut. Und es war klug, dass er das Programm seiner eigenen (oft exzentrischen) Leidenschaften neben die alten Verkaufsschlager stellte: Nono neben Netrebko. Markus Hinterhäuser war nicht dogmatisch, er hat den Salzburger Festspielen neue, internationale Bedeutung gegeben. Auch, weil er im Team dachte, weil er Leuten wie dem Dirigenten Franz Welser-Möst erlaubte, tolle Stimmen für seine Strauss-Opern einzuladen, weil er anderen vertraute und ihnen Freiräume schuf.
Erste Brüche
So spannend diese Aufbruchsjahre waren, so zeigte sich später, dass Markus Hinterhäuser programmatisch immer einfallsloser wurde. Dass er die gleichen Regisseure (Krzysztof Warlikowski, Peter Sellars oder Robert Carsen) holte und allmählich den Anschluss an eine Opernwelt verlor, die sich weitergedreht hatte. Man kann ihm zugutehalten, dass er – trotz öffentlichen Protests – leidenschaftlich an seinem Freund, dem Dirigenten Teodor Currentzis, festhielt. Man kann ihn aber auch dafür kritisieren, dass seine Starrköpfigkeit in dieser Sache ein erstes Anzeichen dafür war, dass Hinterhäuser den weltpolitischen Wandel irgendwie verpennt hatte.
Vom inzwischen verstorbenen Komponisten Wolfgang Rihm stammt die Frage: »Ob der Festspielintendant weiß, dass diese Aufgabe eine transformatorische Kraft hat?« Was Rihm meinte: Nicht nur der Intendant verändert die Festspiele, die Festspiele können auch den Intendanten verändern.
Am Ende ist die hauptsächliche Lehre aus der Causa Hinterhäuser vielleicht, dass der Job des Festspielintendanten erst einmal eine unglaubliche Machtposition darstellt. Der Intendant ist auf vielen Ebenen unangreifbar. Er entscheidet über Wohl und Wehe von Künstlerinnen und Künstlern, kann kritische Geister einfach nicht mehr verpflichten oder bei Kolleginnen und Kollegen Stimmung machen. Er ist politisch bestens vernetzt und führt einen Betrieb, an dessen Krise niemand ein Interesse hat. Außerdem ist er von vielen Medienmenschen umgegeben, die direkt oder indirekt von den Festspielen profitieren – durch Kooperationen wie mit dem ORF, oder durch Engagements von Journalisten für Vorträge, Essays oder Programmbuchtexte. Kurzum: Die Luft für ernsthafte Kritik oder interne Debatte wird dünn, wenn man die Salzburger Festspiele leitet.
Wachsende Kritik
Es gab in den letzten Monaten und Jahren viele »Geschichten«, die hinter vorgehaltenen Händen über die Arbeitsatmosphäre bei den Salzburger Festspielen erzählt wurden – durchaus auch von renommierten Künstlerinnen und Künstlern. Man konnte ahnen, dass da irgendwas aus den Bahnen lief. Aber am Ende fehlte den meisten Betroffenen dann doch der Mut, ihre Kritik öffentlich zu formulieren. Und so war es schwer, über die Festspiele zu berichten, ohne sich selber angreifbar zu machen. Klar aber war: Die Kritik an Hinterhäuser wurde immer lauter.
Die gefeuerte Schauspielchefin Marina Davydova hatte den Mut, öffentlich das zwischenmenschliche Verhalten Hinterhäusers zu kritisieren. Es wurde ein Hausverbot des Intendanten im Salzburger Café Bazar bestätigt, und unübersehbar waren die öffentlichen Turbulenzen zwischen Hinterhäuser und Festspielpräsidentin Kristina Hammer oder dem Team der alten Jedermann-Inszenierung. Es fiel auf, dass Dirigenten wie Franz Welser-Möst trotz Erfolgs-Produktionen plötzlich nicht mehr eingeladen wurden. Haben sie sich öffentlich nicht laut genug zu Hinterhäuser bekannt?
All das waren Punkte, bei denen wohl selbst den Trägern der Festspiele klar wurde, dass es ratsam wäre, sich gegenüber dem wankenden Charakter des Intendanten abzusichern. Zu verhindern, dass er seine Macht missbraucht. Dass er die öffentlich getragenen Festspiele als Kunst-König führt. Und so kam es bei der Vertragsverlängerung zu einer »Wohlverhaltensklausel« – wohlgemerkt, nicht vom jetzigen Kuratorium der Festspiele unter Landeshauptfrau Edtstadler, sondern vom alten Kuratorium unter ihrem Vorgänger Wilfried Haslauer.
Vom Revolutionär zum Reaktionär
Doch in seiner weiteren Amtszeit schien Hinterhäuser weiterhin taub gegenüber Kritik und schien lieber auf jene Stimmen zu hören, die bedingungslos an ihm festhielten. Um den Intendanten herum entstand ein Narrativ, das seine Intendanz für genial und unangreifbar erklärte und seine Kritiker gern abschätzig verunglimpfte. Vielleicht hat Hinterhäuser hier einfach auf die falschen Stimmen gehört. Denn es ist auffällig, dass viele seiner Freunde und Befürworter selber gegen ihren Bedeutungsverlust kämpfen, gegen den Verlust einer alten, hierarchischen Kulturwelt, in der sie selbst einst eine herausragende (und machtvolle) Rolle gespielt haben. Im Sog des Untergangs dieser alten Welt wurde der einstige Revolutionär Markus Hinterhäuser plötzlich selber zum Reaktionär.
Dass der Intendant und das Präsidium der Salzburger Festspiele irgendwann gegen die Berichte von BackstageClassical klagten, konnte man als weiteres Zeichen nach außen verstehen: »Wer uns kritisiert, dem machen wir das Leben schwer.« Am Ende haben Hinterhäuser und die Festspiele das Verfahren in allen Instanzen und in allen Punkten verloren. Geblieben ist der schale Beigeschmack, dass die Festspiele berechtigte Kritik verhindern wollten, aber auch ein erstes Anzeichen, dass die Allmacht der Festspiel-Intendanz Grenzen hat.
Die Kulturchefin der Salzburger Nachrichten, Hedwig Kainberger, hat es im BackstageClassical-Interview auf den Punkt gebracht: Irgendwann fällt eben ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Vielleicht waren die Querelen um die Benennung der neuen Schauspiel-Intendanz dieser Tropfen. Irgendwann hatte Markus Hinterhäuser sich vielleicht einen Feind zu viel gemacht, ist einen Schritt zu weit gegangen. Auf jeden Fall kippte die Stimmung, das Kuratorium hatte endgültig das Vertrauen in seinen Intendanten verloren.
Das fast schon Theatrale an der aktuellen Situation ist, dass Hinterhäuser nun ausgerechnet Opfer jener Methoden wird, die er selber (gemeinsam mit dem Präsidium) angewandt hat – etwa gegenüber der alten Schauspielchefin Marina Davydova. Landeshauptfrau Edtstadler und ihr Kuratorium lassen sich nicht mehr auf Diskussionen ein, sondern spielen juristisches Schach mit eiskaltem Händchen.
Vielleicht hat Markus Hinterhäuser einfach den perfekten Absprung verpasst. Hätte er seinen Vertrag gar nicht erst zum dritten Mal verlängert, wäre er nach 10 Jahren, vielleicht als einer der besten Intendanten aller Zeiten in die Festspielgeschichte eingegangen. Nun könne es passieren, dass er mit Amtsantritt seines Nachfolgers oder seiner Nachfolgerin schnell in Vergessenheit gerät.

