Kratzers Tannhäuser wird Legende

Juli 27, 2024
1 min read
Auf der Flucht: Venus und Tannhäuser (Foto: Bayreuther Festspiele, Nerwarth)

Die Inszenierung ist eine Legende – und sie wird immer besser, tiefer – spannender. Dank Tobias Kratzer und Nathalie Stutzmann.

Hier eine Schnell-Kritik mit den wichtigsten Fakten.

Was gab es neues in der Inszenierung?

Die Kult-Inszenierung ist geblieben – inklusive Festspielteich-Party in der Pause. Im Großbild-Movie am Anfang verdrückt der Venus-Clan, bzw. Oskar (Manni Laudenbach) eine Träne und stößt während der Flucht auf ein Bild des verstorbenen Bayreuth-Tenors Stephen Gould an. Er hatte die Rolle als Clown-Tannhäuser einst geprägt. Wahrscheinlich gab es zum ersten Mal Szenenapplaus während einer Bayreuth-Premiere. Bewegend!  Und auch auf dem Frau-Holle-Rastplatz lässt sich Tobias Kratzer etwas Neues einfallen: Er plakatiert eine fiktive Ankündigung: »Dr. Claudias Kasperltheater. Hänsel & Gretel«. Das war ganz große Oper! Dieser Tannhäuser ist zeitlos, legendär – und längst Kult. Das Tolle: er wächst immer weiter und bleibt nicht stehen!

Podcast zur Tannhäuser-Premiere mit Peter Huth.

Wie war Nathalie Stutzmann?

Dynamisch, mitreißend – immer am Puls der Musik. Das Dirigat der Französin hatte Sog, Plastizität, aber auch großartige Herz-Stillstand-Momente. Stutzmann hat ein Händchen für Tempi, kann sie schleifen lassen und wieder anziehen, große Bögen anlegen und dann wieder kleinteilig in die Seitenstimmen der Partitur abtauchen. Das sind die schönsten musikalischen Momente, wenn das Orchester sich in einer Stimme verirrt, sie hervorhebt und ihr folgt. Souverän auch der Chor von Eberhard Friedrich: Man hört ihm die Kürzungen nicht an! 

Helfen Sie BackstageClassical durch eine einmalige oder regelmäßige Spende

Wie waren die Stimmen?

Klaus Florian Vogt hatte die Mammut-Rolle am Vorabend bereits in München gesungen – und ein Tannhäuser geht nicht spurlos an einem vorbei. Trotzdem: das lyrische Timbre passt zu diesem melancholischen Sänger, dem traurigen Clown. Vogt ist ein Highlight am Hügel. Elisabeth Teige sing eine zurückhaltende, eher klein geführte, aber lyrisch phrasierende Elisabeth – ein echter Engel. Dagegen ist die Venus von Irene Roberts tatsächlich auch rauher angelegt, derber, zuweilen etwas unfokussierter – was aber ebenfalls zur Rolle passt. Sie besticht auch durch ihre enorme Spielfreude. Wenn Schönheit Liebe brächte, hätte sich Elisabeth auch für den Wolfram von Markus Eiche entscheiden können – ein so wunderschöner »Abendstern«, der in jeder Phrase ausgeleuchtet scheint: samt und strömend.

Also zusammengefasst:

Ein Abend, der viel zu schnell zu Ende ist!

★★★★★

Transparenzhinweis: Axel Brüggemann moderiert das Open Air bei den Bayreuther Festspielen.


Die Bayreuther Festspiele bei BackstageClassical

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Die kleinste Tosca der Welt

Gibt es einen anderen Ort auf der Welt, an dem in einem einzigen Jahr über 40 Vorstellungen »Tosca« gespielt werden – vor vollem Haus? Wer das schafft, muss einiges richtig machen –
Albert Lortzing in einem schwarz-weiß Stich

Unterschätzt die Unterhaltung nicht

Albert Lortzing wurde von der Leipziger Musik-Elite ignoriert, aber von den Leipzigern gefeiert. Nun zeigt das Lortzing-Festival ein Programm mit Opern, A Capella-Musik und Symposien seine wahre Bedeutung.    

Ruzicka fordert Missbrauchsverfahren gegen GEMA

Der Komponist und Dirigent Peter Ruzicka geht juristisch gegen die GEMA vor: Beim Bundeskartellamt hat er Beschwerde eingelegt, um die geplante Reform der Kulturförderung kurzfristig zu stoppen. Er sieht die Existenz der

Liebe Künstlerinnen und Künstler,

dieses Mal war es das Berliner Boulevard-Blatt BZ, das die Kosten-Rechnung aufgemacht hat: Während man in der Hauptstadt durchschnittlich 62,20 Euro für ein Opernticket hinblättert, zahlt der Staat für jedes verkaufte Ticket noch mal 251,60

Tod eines umstrittenen Chorleiters

Gerhard Schmidt-Gaden ist tot. Er starb mit 88 Jahren im oberbayerischen Benediktbeuern. Er war eine ebenso prägende wie umstrittene Persönlichkeit im Chorbetrieb.

Endlich bekommt Venedig ein richtiges Wagner-Museum

Nach mehr als 30 Jahren Planung wird ein Richard-Wagner-Museum in Venedig Realität: Ein Abkommen sichert die Zukunft der Wagner-Räume im Palazzo Vendramin Calergi. Ab 2027 soll das Haus Teil des städtischen Museumsnetzwerks

Was ist los in der Klassik?

Podcast: Hannah Schmidt und Axel Brüggemann debattieren die neue Theater-Saison, Opern-Finanzierung, Salzburger Festspiele und Wolfram Weimer.

Der große Spielplan-Check

Die neue Opernspielzeit steht vor der Tür. In Folge I checkt BackstageClassical die Spielpläne der großen Häuser: Vielfalt ist das Motto – und allerhand Namen von der Stange.