Ein Gentleman der Stimme

Februar 19, 2026
1 min read
Jose van Dam (Foto: Artist Management Zürich)

Der belgische Bassbariton José van Dam ist im Alter von 85 Jahren in Brüssel gestorben. Über fünf Jahrzehnte prägte er die Opernbühnen Europas – mit klanglicher Noblesse, stiller Autorität und großer Menschlichkeit.

English summary: José van Dam, the Belgian bass-baritone and leading character singer of his generation, has died in Brussels at 85. For over 50 years he shaped Europe’s opera stages with noble tone and profound humanity, later teaching in Brussels.

José van Dam war das Pathos weitgehend fremd. Der belgische Bassbariton, einer der großen Charakterdarsteller seiner Generation, ist im Alter von 85 Jahren in Brüssel gestorben. Über ein halbes Jahrhundert lang prägte er die Opernbühnen Europas – durch klangliche Noblesse und unbedingte Wahrhaftigkeit.

Geboren 1940 in Brüssel, wurde van Dam früh an der Königlichen Musikakademie ausgebildet und gewann schon als junger Mann mehrere Gesangswettbewerbe. Sein Debüt gab er 1961 in Paris, bald darauf folgten Engagements in Genf, München und an der Pariser Opéra. International bekannt wurde er spätestens in den 1970er Jahren, als Herbert von Karajan ihn an die Wiener Staatsoper und die Salzburger Festspiele holte – als Amfortas, als Don Giovanni, als Mephisto.

Van Dam galt als Inbegriff des musikalischen Humanisten. »Man muss die Figuren lieben, die man verkörpert, auch wenn sie sich selbst nicht lieben können«, sagte er in einem Interview. Diese Haltung war spürbar in jeder seiner Rollen: in der gebrochenen Würde des Amfortas ebenso wie in der melancholischen Noblesse seines Golaud in Debussys Pelléas et Mélisande. Sein Timbre, warm und dunkel, konnte in einem Atemzug Autorität und Mitgefühl ausdrücken.

Nebst seiner Opernkarriere war José van Dam auch ein feinfühliger Lied- und Oratoriensänger. Zahlreiche Aufnahmen, entstanden unter Claudio Abbado, Karajan oder Philippe Herreweghe, zeugen von seinem Reichtum an Zwischentönen. Nach seinem Rückzug von der Bühne unterrichtete er am Brüsseler Konservatorium – stets mit einem Lächeln, das mehr als nur Bescheidenheit ausdrückte: »Die Stimme ist ein Geschenk. Aber was man mit ihr sagt, das ist Arbeit.«

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