Nach der Phonoindustrie torkeln nun auch die Klassik-Medien in eine Krise. Man könnte das Schwarzmalen beginnen, aber die Zukunft hat gerade erst begonnen – und auch die Suche nach neuen Finanzierungsmodellen. Ein Essay.
English summary: The essay describes a crisis in classical music broadcasting and media: shrinking public funding, risk-averse TV formats, and outdated star PR. It contrasts this with streaming-era labels and niche outlets like BackstageClassical that experiment with multimedia, and argues that orchestras and opera houses must become their own media producers with diverse digital formats.
Als die Vertreterin des japanischen Fernsehsenders NHK die Bühne der Avant Première in Berlin betrat, um ihr Showreel zu präsentieren, erklärte sie den anwesenden Musikfilm-Produzenten zunächst, dass man auch in Japan sparen müsse und wesentlich weniger Geld für europäische Produktionen habe. Japan kam sonst gern auf Europas größte Börse für Musikfilme, um Programme aus Berlin, Bayreuth oder Salzburg einzukaufen – dieses Mal wollte NHK seine eigenen Formate lieber in Europa anbieten.
Überall fehlt es derzeit es an Geldern. Viele Produzenten machen sich ernsthaft Sorgen um ihre Zukunft. Der Markt orientiert sich neu. Ein Gesprächsthema: Der große Medienplayer Naxos wurde gerade vom chinesischen Unternehmen Kuka geschluckt, die Führungssituation scheint unklar – wie wird es weitergehen, vor allen Dingen mit den unter dem Naxos-Dach vereinten kleinen, europäischen Labels, die nicht nur Tonaufnahmen, sondern auch Videoprogramme anbieten?
Die Krise der öffentlich-rechtlichen Sender
In der Musikfilmindustrie wackelt das Fundament. Nicht nur das öffentliche Fernsehen in Japan muss sparen, sondern auch die Sender in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bislang sind es hierzulande hauptsächlich ARD und ZDF, die neben den wenigen Klassikflächen im Hauptprogramm auch die Sendungen bei arte oder 3sat finanzieren.
Und so hat sich in den letzten Jahrzehnten eine ganze Branche im Schatten der öffentlich-rechtlichen Sender eingerichtet. Auch dann noch, als sich abzeichnete, dass klassische Musik innerhalb der Programme an die Seite gedrängt wird und dass die Mittel der Sender dramatisch schrumpfen. Ein Großteil der Produzenten hat die Mahnung nach Innovationen und Unabhängigkeit einfach ignoriert und weiter produziert, was verlangt wurde: Hochglanz-Klassik mit »Rrrrrolando« Villazón im orangenen Show-Scheinwerferlicht.
Spannende Erzählungen oder neue Formate kamen unter die Räder, es wurden immer weniger Risiken eingegangen und viele Produzenten haben gehofft, sich irgendwo in der kriselnden Nische einnisten zu können.
Keine Innovationen
Ein bekanntes Beispiel für die absurde Art, Klassik im Fernsehen zu vermarken, ist der Opus Klassik. Die ZDF-Sendung tut zwar so, als würde sie sich einer neuen Klassik-Welt öffnen und erfindet andauernd neue Kategorien (»bestes Konzert«, »bester Musikpädagoge«). In Wahrheit aber zeigt die Sendung nichts anderes als die Einfallslosigkeit und die Hörigkeit eines kriselnden Senders gegenüber einer noch kriselnderen Phonoindustrie.
Es ist müßig, stets aufs Neue zu deklinieren, warum die Fernseh-PR für Jonas Kaufmann, David Garrett oder Lang Lang vollkommen am eigentlichen Abenteuer der Musik vorbeigeht, warum die orange illuminierte Pseudo-Starwelt, die das ZDF immer wieder behauptet, ein Klassik-Bild vermittelt, das alte Musikfans nicht ernst nehmen können, und das es jungen Menschen schwer macht, sich wiederzufinden. Die vermeintliche Jugend, die dort mit Pianisten wie Louis Philippson aufgebaut wird, ist am Ende nichts anderes als die Vorstellung einer alternden Redaktion von einer neuen Generation – und damit zutiefst cringe. Diese Art des Klassik-Fernsehens bleibt eine Anbiederung an ein nicht existierendes Publikum, ähnlich wie in der überall zu Recht verrissenen ARD-Serie über die Mozart-Geschwister.

Doch statt endlich umzudenken, baut der verantwortliche Redakteur, Tobias Feilen, diesen Quatsch noch weiter aus und versenkt seine Gelder in irgendwelche Neuschwanstein-Konzerte, die nach dem gleichen Phono-Industrie-Bankrott-Mechanismus funktionieren: Vermeintlich große Stars im abgehalfterten Märchenambiente. Klar, dass 2026 auch Louis Philippson dabei ist, der natürlich auch als Performance-Gast auf der Avant Première nicht fehlen durfte. ARD und ZDF produzieren ihre Klassik-Stars inzwischen nach den gleichen Prinzipien wie RTL seine Reality-Stars und schubsen sie von einer Sendung in die nächste. Der Opus-Klassik ist dabei so etwas wie das Dschungelcamp der Fernseh-Klassik geworden.
Fehlendes Finanzierungsmodell
Die Kritik ist alt, und es verwundert, dass sie noch immer nicht in der Branche angekommen ist. Alle wollen irgendwie noch weiter mit den alten Mitteln ein bisschen vom immer kleiner werdenden Kuchen abbekommen. Für Außenstehende wirkt die Musikfilmbranche ein wenig wie das Nokia-Management, nachdem apple sein erstes iPhone vorgestellt hat: Die alte Hybris ist noch da, aber die neue Welt hat längst begonnen.
Was allen Beteiligten fehlt, um neu zu denken, ist eine überzeugendes, alternatives Finanzierungsmodell jenseits der öffentlich-rechtlichen Strukturen. Auch deshalb halten sich Produzenten noch immer an den letzten Strohhalmen fest, die ihnen aus den Redaktionen entgegengestreckt werden.
Andere Branchen innerhalb der Klassik sind längst weiter und zeigen, wie Transformation aussehen kann. So hat sich der Markt der Phono-Industrie vollkommen verändert, als das Streaming die physischen Tonträger verdrängte. Legendäre Unternehmen, die einst als unsterblich galten – so wie die EMI – sind einfach untergegangen. Sony ging dazu über, seine Aufnahmen von den Künstlerinnen und Künstlern mitfinanzieren zu lassen – und selbst die Deutsche Grammophon ist heute nur noch ein gelber Schatten ihrer selbst.
Andere Branchen machen es vor
Wird deshalb weniger Klassik gehört? Nein! Aber die Gewinnmargen sind geringer. Und die Finanzierungsmodelle haben sich verändert. Klar, die Zahlungsmethoden von Spotify und Co kann (und muss) man kritisieren. Aber: Sie sind derzeit unverrückbare Gegebenheiten. Und so richten sich auch Klassik-Labels auf dem Streaming-Markt ein und weiten ihre Kampfzone ins Künstlermanagement und in den Veranstaltungsmarkt aus.
Ein anderer Markt, der längst zusammengebrochen ist, ist der Markt der Klassik-Berichterstattung. Hier mussten privatwirtschaftliche Unternehmen wie Zeitungen eine Nischenkunst, die nur durch staatliche Unterstützung möglich ist, vollkommen ohne staatliche Unterstützung stemmen. Viele Klassik-Print-Magazine (national wie international) mussten aufgeben, die Musikberichterstattung in großen Zeitungen und Sendern ist rapide zurückgegangen, und überall wurden Redakteurinnen und Redakteure entlassen.
Ebenso wie die Plattenfirmen sahen sich die Medien einem neuen digitalen Markt gegenüber, der offen und von einer Umsonst-Mentalität geprägt ist, und der – das ist das Problematische – auf Masse setzt. Das Streaming ist nur dann lukrativ ist, wenn viele Millionen Streams erzeugt werden, und auch der digitale Medien-Markt funktioniert heute hauptsächlich nach Klickzahlen. Ein Markt, auf dem die Nische der Klassik nicht konkurrenzfähig ist. Während Millionen Menschen einem jungen Mädchen auf TikTok zusehen, das sich die Fingernägel lackiert, sind die Zugriffszahlen in der Klassik minimal und garantieren kein werbefinanziertes Überleben.

Orte der Debatte
Magazine wie BackstageClassical schielen deshalb ganz bewusst nicht auf Masse, sondern darauf, die Nische der klassischen Musik qualitativ zu bespielen. Inhalt, Bedeutung, Debatte und Content werden dann zu eigenen Werten. Diese Transformation funktioniert allerdings nicht, wenn man weiterhin auf alte Privilegien pocht und alten Strategien folgt.
Und so versteht sich BackstageClassical auch als Experiment, wie sich die mediale Sprache innerhalb der Klassik in ganz unterschiedliche Richtungen ausdehnen kann: Derzeit sind es hauptsächlich Texte und Podcasts, aber auch Videos und Streaming sind angedacht. Das Klassik-Medium der Zukunft muss ein Multimedium werden, muss Ort sein, an dem die gesamte Breite der Nische sich widerspiegelt. Ein Ort, dessen Werte die Unabhängigkeit und die Freiheit des Denkens sind, an dem die Kontroverse als produktive Debatte zu Hause ist. Ein Ort, der gerade dadurch wertvoll wird, weil es ihn anderenorts nicht mehr gibt. Dadurch, dass er eine Nische ist, die den Mainstream zwar debattiert, ihn aber nicht kompromisslos bedient.
Derartiges Denken zieht langsam auch in die Welt der Musikfilmbranche ein. Lange sind es die öffentlich-rechtlichen Sender gewesen, die das System in all ihrer Vielfalt getragen haben: Von der großen ZDF-Silvestergala bis zur kleinen WDR-Dokumentation über das neutönende Elektro-Tonstudio in Köln. Die entscheidende Frage ist, wer in Zukunft die Finanzierungskraft der Sender übernimmt, während diese mit ihrer eigenen Krise beschäftigt sind.
Die Oper als Medium
Erste Trends sind bereits zu beobachten. Viele Kulturanbieter verstehen sich heute selber als Medien. Egal, ob es die Metropolitan Opera in den Kinos ist, die Bayerische Staatsoper mit Staatsoper.tv, die Berliner Philharmoniker mit der Digital Concert Hall, das Gewandhausorchester mit dem Gewandhausradio, oder die Bayreuther Festspiele mit der eigenen Verwertungsgesellschaft, der BF Medien. Ganz abgesehen davon, dass jede Oper und jedes Orchester heute eigene Insta– und TikTok-Profile pflegen, auf der sie jene Geschichten erzählen, die früher in den Anzeigenblättern der Klassik erzählt wurden.

So wie die Labels an Bedeutung verloren haben und letztlich nur noch Distributeure sind, werden auch die alten audiovisuellen Unternehmen ihre Rolle neu finden müssen. Die Schlüssel für den Markt der Zukunft liegen bei den Kunstproduzenten selbst, bei den Orchestern und Opernhäusern. Sie werden ihre eigenen medialen Strukturen aufbauen und dabei vollkommen neue Wege gehen und jene Innovationen vorantreiben, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen schuldig geblieben ist. Sie werden merken, dass der Stream ganzer Opern oder Konzerte heute schwer geworden ist (es gibt nur wenige Menschen, die sich zu Hause auf dem Sofa einen Parsifal ansehen). Dass es eher darum gehen muss, neue mediale Formate zu entwickeln, um die sperrige Kunst der Klassik wieder in unsere mediale Realität zu stellen: Talks, Formate, in denen die Künstlerinnen und Künstler als Menschen sichtbar werden, kritische Vergleiche einzelner Aufführungen und Interpretationen, Kinder- und Jugendformate, journalistische und investigative Formate oder lange und tiefe Gespräche. Opernhäuser und Orchester haben all die spannenden Geschichten aus der Welt der Kunst, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen in den letzten Jahren vor lauter »Rrrrrolandisierung« vergessen hat zu erzählen.
Die Bandbreite der Erzählformen ist groß, ebenso wie die Möglichkeit der Ausspielformen von Onlinemagazinen über Podcasts und Streaming bis zu YouTube oder Social-Media-Reels. In Zukunft wird jede große Aufführung wahrscheinlich in all diese multimedialen Einzelteile zerlegt werden – und der Gewinn wird die Summe aller Kanäle sein.
Wir befinden uns in einem radikalen Wandel der Branche, und eines ist sicher: Viele der großen Player der Vergangenheit haben den Anschluss an die Zukunft verpasst, weil ihre Strukturen einfach nicht mehr auf den gegenwärtigen Markt zugeschnitten sind. Man kann all das bedauern – aber das wird nichts ändern. Das eigentliche Abenteuer hat längst ganz woanders begonnen.

