Dirigent Alexander Liebreich über musikalische Bildung, zu lange Amtszeiten für Intendanten und seinen neuen Job als Chefdirigent in Taipeh.
Der deutsche Dirigent Alexander Liebreich wird neuer Chefdirigent in Taipeh, in einer Stadt, die angesichts der Spannungen mit China politisch im Fokus steht. Im Podcast-Gespräch mit BackstageClassical äußert er sich kritisch zur deutschen Kultur- und Bildungspolitik sowie zur internationalen Lage im Musikbetrieb.
Liebreich bemängelt den geringen Stellenwert der Musikvermittlung in Deutschland. Im deutschen Bildungssystem fehle ein »Selbstverständnis« für klassische Kultur, sagt er. Während Musikunterricht in Ländern wie Polen oder in Asien selbstverständlich sei, fällt er hierzulande häufig aus. Als Beispiel nennt Liebreich ein Münchner Gymnasium, an dem Musik zugunsten von Mathematik gekürzt wird. Die geplante Einführung einer neuen Musikpädagogik-Kategorie beim Opus Klassik begrüßt er grundsätzlich, warnt aber vor oberflächlichem »Vermittlungsbranding«.
Zur Situation bei den Salzburger Festspielen, wo Intendant Markus Hinterhäuser zuletzt in die Kritik geriet, vermutet Liebreich Kommunikationsprobleme. Nach langer Zeit in Führungspositionen bestehe die Gefahr, Entscheidungen nicht mehr ausreichend zu erläutern. Nach seinen Erfahrungen ist eine Amtszeit von sieben bis acht Jahren oft eine kritische Grenze im Kulturbetrieb.
Mit Blick auf seine neue Aufgabe in Taiwan zeigt sich Liebreich optimistisch. Taipeh sei ein moderner Kulturstandort mit jungem Publikum und ehrgeizigen Projekten wie der geplanten neuen Concert Hall, die 2028 fertiggestellt werden soll. Zugleich spricht er über die unterschiedlichen kulturellen Rollen Chinas und Russlands: Während Auftritte russischer Künstler in Europa derzeit politisch heikel sind, treten westliche Spitzenorchester in China weiterhin selbstverständlich auf. Auftritte in Russland lehnt Liebreich derzeit ab, um keine falschen Signale zu senden.

