
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
heute mit allerhand musikalischen Misstönen aus den USA, mit Finanzengpässen in Leipzig, einigem GEMA-Gerangel und einer klaren Positionierung in Sachen Nahost.
Born in the USA
Letztlich ist Bruce Springsteen auch ein Klassiker, und er beginnt diesen Newsletter, weil mir sein Song Streets Of Minneapolis gefällt: ein echtes Protestlied. Wütend, aufrüttelnd – gut gemacht. Hört sich an wie aus den 60ern, spielt aber leider in unserer Gegenwart! Einer der wenigen populären Mahnrufe gegen Donald Trump und seine Schlägertrupps. Ein Zeichen auch, dass Widerstand durchaus eine breite Basis finden kann – auf jeden Fall bei Spotify und YouTube. Neil Young hat dem Melania-Filmer und Amazon-Boss Jeff Bezos derweil verboten, seine Lieder zu verbreiten und sie stattdessen allen Grönländerinnen und Grönländern kostenlos zur Verfügung gestellt. So aktionistisch wie sich das anhört: In all seiner David-gegen-Goliathhaftigkeit hat das was! Und endlich wacht auch die Klassik auf: Philip Glass hat seine 15. Symphonie über Abraham Lincoln aus dem Trump-Kennedy-Center zurückgezogen (ich habe ihm einen Brief geschrieben). Immerhin ein Zeichen. Und vielleicht der Anfang von mehr, denn solange wir in einer Demokratie leben, sind Gegenstimmen nicht machtlos.

Dream the USA
Aufgrund dieser und anderer Meldungen wirkte das Motto des Lucerne Festival für den Sommer auf manche eher befremdlich. Sebastian Nordmann stellt seine erste Spielzeit in der Schweiz ausgerechnet jetzt unter den Slogan American Dreams. Unser Autor Georg Rudiger hat ihn gefragt, ob das nicht auch missverständlich aufgenommen werden könne. »Parteipolitisch oder wirtschaftspolitisch möchten wir keine Stellung nehmen«, antwortet Nordmann, »uns sind die amerikanischen Träume wichtig, die sich beispielsweise in der Musik von George Gershwin oder in der Minimal Music von Steve Reich und John Adams zeigten.« Ein bisschen scheint es, als würde der Intendant gern um den heißen Politbrei herumreden. Aber bis zum Sommer fließt noch viel Wasser durch den Vierwaldstättersee – und vielleicht erkennt Luzern bis dahin, dass sein Motto auch zu spannenden Debatten in der Klassik führen könnte. Wir rufen ihnen zu: »Habt Mut zur Debatte!«

Leipziger Oper droht die Pleite
2,3 Millionen Defizit, und ab 2028 könnte die Oper Leipzig nicht mehr liquide genug sein, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Intendant Tobias Wolff und seine Opernleitung erklären die Miesen mit gestiegenen Energie‑, Personal‑ und Materialkosten bei stagnierenden Einnahmen. 75 Prozent der Ausgaben entfallen auf Löhne und das Gewandhausorchester, dem die Oper jährlich rund zehn Millionen Euro zahlt. Ich habe Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke einen Brief geschrieben. Es ist Zeit für grundlegende Strukturänderungen. Gewandhaus, Oper und Musikalische Komödie müssen zusammen neu gedacht werden. Wo ist der Reset-Knopf für Leipzig?
»Zubin komm zurück nach Israel«
Politisch konsequent zeigte sich die israelische Sopranistin Chen Reiss. Ich habe für den BackstageClassical-Podcast die aktuellen Ereignisse der Woche mit ihr besprochen. Reiss wirft darin der BBC Antisemitismus vor, bittet Zubin Mehta, zurück nach Israel zu kehren und hält nichts von US-Boykotten. Die Sopranistin kritisiert die Politik Benjamin Netanjahus, hinterfragt aber die Wirkung von Boykotten: »Wen bestrafen wir eigentlich?«, fragt sie und sagt: »Bitte, bitte, Zubin komm zurück, wir brauchen Dich!«
GEMA weiter!
Eine Reform ohne Ende? Die GEMA entscheidet erneut über eine Neuordnung ihres Ausschüttungsverfahrens. Bei BackstageClassical meldet Komponistin Kathrin A. Denner weiterhin Bedenken an. Sie listet Ungerechtigkeiten und allerhand Intransparenz auf. Ihr Fazit: »Auch wir sehen Reformbedarf. Wir plädieren jedoch für eine Kulturförderung, die verlässlich, solidarisch und demokratisch kontrollierbar bleibt und die Vielfalt professioneller künstlerischer Praxis tatsächlich absichert – nicht nur rechnerisch, sondern strukturell.« Ihr ganzer Text hier.
Regietheater? Die falsche Debatte!
Okay, ich war ziemlich in Rage, als ich letzte Woche den Rant gegen das Regietheater in der FAZ gelesen habe! So ein Text wäre vor einiger Zeit in dieser Zeitung, hinter der mal kluge Köpfe steckten, wohl eher nicht veröffentlicht worden. Lotte Thalers Argumentation ist nicht stringent, ihre Beispiele sind willkürlich, ihre Lösung ist ein Zurück ins 19. Jahrhundert. Ich konnten nicht widerstehen und musste ihr einfach antworten. Sind ihre Bedenken gegen das, was sie »Regietheater« nennt, nicht eher eine allgemeine und diffuse bürgerliche Angst vor Veränderungen? Wenn Thaler sich nun gegen die andauernde Neuerfindung von Theater wendet, ist das nicht nur anachronistisch, sondern auch gefährlich. Hier meine Gegenrede.

Briefe von Brüggi
Jeden Morgen (Di-Fr) um 6:00 gibt es neue Briefe von Brüggi auf BackstageClassical.com. Diese Woche gingen sie an:
- Skadi Jennike, die in Leipzig die Kultur organisiert
- Cecilia Bartoli, die in Mailand zu Olympia singt
- Philip Glass, der seine Symphonie zurückzieht
- Peter Gelb, dessen Oper keine Kohle mehr hat
Personalien der Woche
Gestern hatte Monster‘s Paradise von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth Premiere in Hamburg. Ich bin gerade Skifahren, werde mir das alles am Mittwoch anschauen (und dann auch ausführlich berichten). Bei BackstageClassical gibt es aber heute schon ein ausführliches Porträt von Regisseur und Intendant Tobias Kratzer. +++ Die Zahl der Planstellen in deutschen Berufsorchestern hat sich in den vergangenen zwei Jahren kaum verändert. Hinter der statistischen Stabilität verbirgt sich jedoch ein wachsendes Problem: Hunderte Stellen sind unbesetzt. All das bringt eine neue Studie von UNISONO. +++ Die Kollegen vom VAN Magazin berichten, dass der französische Dirigent Frédéric Chaslin mehrfach in den gerade veröffentlichten Epstein-Files auftaucht. Angeblich soll er in Korrespondenz mit dem Sexualstraftäter gestanden haben, sich über den Fall James Levine unterhalten und sich mit ihm eventuell auch über Frauen ausgetauscht haben.
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! In Köln zeigt sich derzeit, dass jede Krise irgendwann auch mal zu Ende sein kann! Die Kölner Oper steht kurz vor der Rückkehr in ihr saniertes Stammhaus! Die Gesamtkosten des ursprünglich mit gut 250 Millionen Euro veranschlagten Projekts summieren sich inzwischen inklusive Interimsspielstätten und Finanzierung auf rund 1,5 Milliarden Euro und gelten als Mahnmal für Fehlplanung und Verzögerungen im öffentlichen Bauen. Interessant ist das neue Ticketsystem, das nicht nur dynamische Preise vorsieht, sondern auch eine Art BahnCard-Modell: Wer eine Rabatt-Karte besitzt, zahlt 10 oder 20 Prozent weniger beim regulären Ticketkauf.
In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif
Ihr
Axel Brüggemann

