Reform: Ja! Aber bitte gerecht.

Januar 28, 2026
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Karikatur: KI

Die Komponistin Kathrin Denner nimmt die geplante GEMA-Reform unter die Lupe und befürchtet auch weiterhin viele Ungerechtigkeiten und allerhand Intransparenz.

English summary: Composer Kathrin Denner welcomes thereform in principle but warns the planned GEMA cultural funding changes risk income losses, market-driven bias, weak support for composers, reduced transparency, and long-term structural disadvantages.

Die GEMA steht vor einer weitreichenden Reform ihrer Kulturförderung. Ausgangspunkt sind reale Herausforderungen: veränderte Produktions- und Rezeptionsbedingungen, neue Verwertungsformen sowie der berechtigte Wunsch, kulturelle Mittel breiter zugänglich zu machen. Dass die GEMA auf diese Entwicklungen reagiert, ist grundsätzlich zu begrüßen.

Gleichzeitig sehen wir die geplante Reform mit Sorge. Nicht, weil wir Veränderungen grundsätzlich ablehnen, sondern weil wir erhebliche strukturelle Risiken für große Teile der professionell arbeitenden Urheber:innen der zeitgenössischen Musik erkennen.

Deutliche Einnahmeverluste

Die GEMA betont, dass das Gesamtvolumen der Kulturförderung nicht gekürzt werde. Formal ist das korrekt. Entscheidend ist jedoch nicht allein das Gesamtvolumen, sondern die konkrete Wirkung der neuen Verteilungsmechanismen auf die einzelnen Mitglieder. Unsere Analysen und Modellrechnungen zeigen, dass für viele kontinuierlich arbeitende Komponist:innen mit mittlerer oder niedriger Aufführungsdichte deutliche Einnahmeverluste zu erwarten sind, teils in erheblichem Umfang. 

Demgegenüber profitieren nur wenige Konstellationen mit sehr hoher Aufführungsfrequenz spürbar. Auch Studierende verlieren in vielen Fällen, während Berufsanfänger:innen nur dann Zugewinne erzielen, wenn sie außergewöhnlich hohe Leistungsparameter erreichen.

Die bisherige stärkere Förderung der zeitgenössischen Kunstmusik beruhte nicht auf der Annahme eines Überprivilegs, sondern auf einer kulturpolitischen Abwägung. Ihr gesellschaftlicher Wert, ihr hoher Produktionsaufwand und ihre strukturell begrenzte Marktfähigkeit lassen sich über reines Inkasso nicht angemessen abbilden. Die Reform stellt diesen bislang anerkannten Ausgleich nun grundsätzlich infrage.

Marktförmige Förderung

Besonders problematisch erscheint uns, dass die Reform eine stärkere Orientierung an Aufführungsfrequenz, bestimmten Spielstätten und punktbasierten Parametern einführt. Damit entstehen faktisch Mindestschwellen, die für viele künstlerisch relevante, aber strukturell seltener realisierte Werke kaum erreichbar sind. Kulturförderung droht so, stärker marktförmig zu wirken, statt ausgleichend und stabilisierend zu funktionieren.

Auch die Sonderbehandlung der Contemporary Classic Live (CCL) gibt Anlass zur Kritik. CCL-Aufkommen entfaltet seine Wirkung künftig überwiegend über spezifische Fördermodule und nicht mehr in vollem Umfang innerhalb der allgemeinen Förderlogik. Sondermechanismen sind jedoch stärker von Parametern, Deckelungen und Entscheidungspraxen abhängig und damit weniger verlässlich als eine systematische Beteiligung an einer allgemeinen Wertung. Was als Schutz gedacht ist, kann langfristig zu einer strukturellen Schwächung führen.

Zweifel an Nachwuchsförderung

Die angekündigte Nachwuchsförderung überzeugt uns ebenfalls nur bedingt. Die positiven Effekte für Nachwuchs ergeben sich nur unter bestimmten, bislang nicht eindeutig geregelten Voraussetzungen. Nachwuchsförderung wird damit nicht als verlässliche Basis ausgestaltet, sondern an Hochleistungsparameter geknüpft.

Hinzu kommt ein erhebliches Transparenzproblem. Bislang liegen keine vollständigen, nachvollziehbaren Modellrechnungen zur Reform vor, obwohl wiederholt darauf verwiesen wurde, dass entsprechende Simulationen existieren. Eine sachgerechte Entscheidung der Mitgliedschaft setzt jedoch voraus, dass die finanziellen Auswirkungen offen, überprüfbar und nachvollziehbar dargestellt werden.

Rechtliche Bedenken

Zudem sehen wir demokratische und rechtliche Fragen. Zentrale Steuerungsparameter, etwa die Bewertung von Spielstätten oder Gewichtungen innerhalb der Förderung, sind nicht dauerhaft in der Geschäftsordnung verankert, sondern sollen durch Beschlusslagen veränderbar bleiben. Damit werden normativ geregelte Ansprüche durch politisch steuerbare Entscheidungen ersetzt. Dies reduziert Planbarkeit, Rechtssicherheit und die gerichtliche Nachprüfbarkeit von Förderentscheidungen. Die Förderkommission ist zudem nicht direkt durch die Mitgliederversammlung legitimiert; klare Regelungen zu Repräsentation und Rotation fehlen.

Ein weiterer Aspekt betrifft den Zugang zur ordentlichen Mitgliedschaft. Durch die stärkere Kopplung von Förderung und Verteilung an hohe Aufführungszahlen und spezifische Parameter wird es für viele Urheber:innen zunehmend schwieriger, die hierfür relevanten Voraussetzungen zu erfüllen. Gerade im Bereich der zeitgenössischen Musik verlaufen Karrieren häufig nicht linear, sondern projektbezogen, mit längeren Entwicklungsphasen und unregelmäßigen Aufführungszyklen. Unter den geplanten Bedingungen droht sich der Zugang zur ordentlichen Mitgliedschaft weiter zu verengen, was langfristig zu einer strukturellen Benachteiligung ganzer Generationen von Urheber:innen führen kann.

Reformbedarf – aber anders

Wir möchten betonen: Diese Kritik richtet sich nicht gegen Reformen an sich. Auch wir sehen Reformbedarf. Wir plädieren jedoch für eine Kulturförderung, die verlässlich, solidarisch und demokratisch kontrollierbar bleibt und die Vielfalt professioneller künstlerischer Praxis tatsächlich absichert – nicht nur rechnerisch, sondern strukturell.

Die Mitgliederversammlung 2026 wird über die Umsetzung dieser Reform entscheiden. Unabhängig vom Abstimmungsergebnis halten wir es für notwendig, ihre Auswirkungen kritisch zu begleiten und transparent zu dokumentieren.

Kathrin Denner

Kathrin Denner, Komponistin und Hochschullehrerin (Lehrauftrag an der Musikhochschulen Trossingen). Sie studierte, neben Trompete und Musiktheorie, Komposition bei Theo Brandmüller, Wolfgang Rihm und Johannes Schöllhorn an den Musikhochschulen Saarbrücken, Karlsruhe und Freiburg. Seit 2024 promoviert sie am Collège Doctoral Européen d'Interprétation et de Création Musicales GLAREAN über Zeit in zeitgenössischer Musik und Tanz.

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