Tobias Kratzer hat heute Abend in Hamburg Premiere mit der Oper »Monster‘s Paradise«. Er stellt die alte Kunst mitten in unsere Zeit. Ein Porträt.
Ein Gespräch mit Tobias Kratzer ist, als wenn man einen Podcast mit doppelter Abspielgeschwindigkeit hört. Keine Ahnung, wann der Mann Atem holt. Keine Ahnung, wann er nachdenkt, um seine verdammt klugen Gedanken herauszukatapultieren. Tobias Kratzer redet in einem Stakkato aus Silben, die er – eine nach der anderen – an einem meist lockeren Grundgedanken zusammenhängt. Und dieser Grundgedanke ist selten kleiner als die Neuerfindung des Theaters in unserer Zeit.
So sieht also die Oper von heute aus: Gut trainierte Muskelarme unter einem Body-Fit-Shirt, eine weite Hose, ein schwarzes Cappy. Mal trägt Kratzer Dreitagebart, mal einen stolzen »Pornobalken«. Und so, wie er aussieht, inszeniert er auch: Modern, direkt aus unserer Zeit – für unsere Zeit.
Von Bayreuth in die Welt
Bei den Bayreuther Festspielen setzte Tobias Kratzer Richard Wagners Oper »Tannhäuser« als cineastischen Roadmovie in Szene. Statt mittelalterlicher Wartburggesellschaft und einem freigeistigen Minnesänger stellte er das bürgerliche Bayreuther Opernpublikum in Roben und mit Klunker auf die Bühne. Er ließ es an einer Gruppe anarchischer Outlaws verzweifeln: Eine schwarze Dragqueen, ein kleinwüchsiger »Oskar Matzerath«, der Titelheld Tannhäuser und die Liebesgöttin Venus überfallen einen Burger King, töten aus Versehen einen Menschen und werden auf der Flucht zu verzweifelten Freigeistern. Ihr Motto ist das Motto Richard Wagners: »Frei im Wollen! Frei im Thun! Frei im Genießen!«
Nachdem Tobias Kratzer die Wagnerianer 2019 mit dieser Inszenierung sowohl schockte als auch beglückte, gilt er als Regisseur, der die alte Kunst der Oper in eine neue Zeit führen kann. Einer, der eine junge Generation begeistert, dabei aber die Siegelbewahrer der Klassik nicht vergrault.
Kratzer selber könnte zum Team Venus gehören: Ein gelehrter Anarchist, ein Mensch der Sinnlichkeit. Aber wenn er im Foyer der Hamburgischen Staatsoper steht (nicht mehr als Regisseur, sondern als Intendant) dann kann er auch anders: Seriös. Verantwortungsvoll. Nachdenklich.
Sowohl als auch
Vielleicht ist genau das, was Tobias Kratzer ausmacht, das Sowohl-als-auch. »Es geht mir immer darum, ein Werk auf mehreren Ebenen zugängig zu machen«, sagt er. »Ich versuche bei jeder Oper zu antizipieren, wie sie auf jemanden wirkt, der ohne Opernerfahrung in das Theater kommt. Wie kann ich diesem Menschen klar machen, dass ausgerechnet das Stück, das er gerade sieht, so toll ist? Und wie kann ich gleichzeitig einem eingefleischten Opern-Experten neue Perspektiven in einem Werk eröffnen, das er meint, in- und auswendig zu kennen?«
In seiner Vielschichtigkeit und dem gigantischen Anspruch, jedem im Publikum gerecht zu werden, liegt der Erfolg von Tobias Kratzer. Er ist kein Dogmatiker der Moderne. Er ist ein Praktiker der Kunst. Er arbeitet nicht in Schubläden, sondern stets an den Horizonten der Welt.
Und so hält er es auch als frisch gebackener Intendant. Was ihn bei seinen ersten Besuchen in der Hamburger Oper störte? Dass es an den Pausenbuffets nichts Süßes gab. Keine Schokolade, keine Bonbons. »Das ist doch doof, wenn man Hunger hat, und es gibt nur salzige Häppchen!« Tobias Kratzer weiß, dass große Kunst oft im kleinen Detail beginnt. Inzwischen gibt es in Hamburg Süßes und Saures!
Deko ist alles
Im Glas-Foyer der Hamburgischen Staatsoper mit seinen hohen Säulen erklärt der Hausherr, dass ein Opernbesuch für ihn eine »Gesamtinszenierung« sei. Klar, im Mittelpunkt stünde die Kunst, aber am Ende sei jeder Grund in die Oper zu kommen legitim, sagt Kratzer: »Egal, ob jemand seinen Geschäftspartnern die tolle Stadt zeigen will, ob jemand seinen alten Hochzeitsanzug noch einmal auftragen möchte. Wir werten all das nicht. Ich will nur, dass am Ende das Geschehen auf der Bühne alle Faktoren zusammenhält.« Deshalb will Tobias Kratzer eines auf keinen Fall: »Die Zeiten, in denen Regisseure das Publikum von der Bühne herab beschimpft haben, sind vorbei«, sagt er.

»Ich glaube, dass es gerade in unserer Gegenwart um Empathie gehen sollte, wenn man Oper macht, nicht um billigen Krawall.« Den gäbe es da draußen schon genug.
Es ist interessant, wie der Tannhäuser-Regisseur auch als Opernintendant seiner Kulturästhetik der Vielschichtigkeit treu bleibt, wie er an die Gleichzeitigkeit des Unterschiedlichen glaubt. Sein neuer Venusberg ist die Hamburgische Staatsoper. Auch hier geht es darum, das Alte und die Konvention harmonisch mit dem Neuen und der Revolution zu verbinden.
Es war mutig von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, Tobias Kratzer zu bitten, sich auf die Intendanz zu bewerben. Immerhin hatte der noch nie ein Opernhaus geleitet und noch nie in Hamburg inszeniert. Ebenso mutig war die Wahl des Generalmusikdirektors: Omer Meir Wellber hatte ebenfalls noch nie in seinem Leben das Orchester in Hamburg geleitet. Kein Wunder, dass die Aufregung im Ensemble groß war: Hat ein Regisseur genug Management-Erfahrung um einen Dampfer wie die Staatsoper zu lenken?
Nach der Krise
Sicher ist, dass Kratzers Erfahrung als Regisseur seine Arbeit als Intendant beeinflusst. »Mir geht es darum, auch in Hamburg Räume der Sicherheit zu schaffen, die ich als Regisseur an anderen Häusern erlebt habe. Räume der Kreativität und eine Atmosphäre, in der alle Gewerke an einer Idee arbeiten.«
Als Motto seiner ersten Spielzeit hat Tobias Kratzer »Alles, was Oper kann!« ausgerufen. Und er verspricht, dass Oper ziemlich viel kann. Über Auslastungszahlen will er sich in seiner ersten Spielzeit keine Gedanken machen. »Unser Motto heißt ja nicht: ‚Kasse machen um jeden Preis‘.«
Fakt ist aber auch, dass die Auslastungszahlen unter dem Vorgänger-Duo, dem Intendanten Georges Delnon und dem Dirigenten Kent Nagano, so gering waren, dass eine Steigerung nicht wirklich schwer ist. Die Hamburgische Staatsoper, einst ein Flagschiff der Klassiknation, lag am Boden, als Kratzer und Wellber das Ruder übernahmen.
Eines von Kratzers Konzepten ist es, jedes Jahr eine Uraufführung zu schultern. Diese Saison steht Monster‘s Paradise auf dem Programm. Die Saisonbroschüre zeigt ein Monster, das aus dem Weißen Haus in Washington steigt. Eine Oper um Macht, Missbrauch und Despoten, komponiert von Olga Neuwirth. Der Text stammt von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Aber was kann Oper in einer Zeit bewirken, in der die Wirklichkeit längst die größte Inszenierung ist, in der die Show nicht mehr im Theater, sondern in der Realität stattfindet?
Bei solchen Fragen ist Tobias Kratzer in seinem Element. Seine Antworten fließen wieder im Fast-Forward-Tempo: »Uns gelingt es nicht mehr, Leute wie Donald Trump analytisch zu greifen, weil bei ihnen alles irrational erscheint. Aber die Oper ist eine Expertin für das Irrationale und besser geeignet, den Wahnsinn der Welt zu fassen als ein Leitartikel.«
Im Mittelpunkt der neuen Oper steht das Monster Gorgonzilla, und Kratzer stellt die Frage: »Wie besteht man gegen ein Monster? Müssen wir in der Opposition erst selber ein Monster erschaffen, um das amtierende Monster zu bekämpfen?« Antworten gibt es nächsten Februar, wenn die Oper in Hamburg uraufgeführt wird.

Dass Tobias Kratzer ausgerechnet in Hamburg seine erste Intendanz antritt, mag auch mit der Kulturpolitik der Stadt zu tun haben. Während Berlins Klassik-Szene radikal beschnitten wird, hat Hamburg seine Ausgaben im letzten Jahr um 12 Prozent erhöht. Und das ist noch nicht alles: Milliardär und Unternehmer Klaus-Michael Kühne will den Neubau eines Opernhauses im Hamburger Hafengebiet mit 300 Millionen Euro unterstützen. Ein Engagement, das Kritiker auf den Plan ruft, weil Kühne die NS-Vergangenheit seines Unternehmens nur unzureichend aufgearbeitet hat und weil er seine Steuern in seinem Hauptwohnsitz, der Schweiz, zahlt. Die taz rechnete vor, wenn der Mäzen reguläre Abgaben in Deutschland zahlen würde, wären 1,7 Milliarden Euro pro Jahr fällig – also fünfeinhalb Opernhäuser.
Tobias Kratzer will an all dem trotzdem das Gute sehen. »Wir sind als Nutzer ja nicht die Empfänger dieses Geschenkes«, sagt er, »sondern die Stadt, die uns das Haus dann zur Verfügung stellt.« Außerdem verfüge die Kunst über Mittel, auf moralische Fragen – auch in diesem Fall – zu reagieren. Und dann zitiert Tobias Kratzer seinen Chefdirigenten Omer Meir Wellber: »Mir ist es lieber, das Geld wird in ein Opernhaus investiert, als dass es auf irgendeinem Schweizer Konto liegt.«
Tatsächlich würde Tobias Kratzer natürlich von einem Neubau profitieren. Geplant ist nicht nur ein klassischer Opernbau in der Größe des alten Hauses mit »Guckkastenbühne«, sondern auch eine zweite Spielstätte für Kammeropern. »Das wäre für uns ein ganz wichtiges Element«, sagt Kratzer, »um auch das spannende, kleinere Repertoire erschließen zu können.«
Bis dahin wird allerdings noch einiges Wasser die Elbe hinabfließen, und Tobias Kratzer an vielen kleinen Stellschrauben seiner neuen Oper drehen. Die Theaterwelt wird genau hinschauen, denn die Hamburgische Staatsoper unter ihrem neuen Intendanten ist auch ein Modellexperiment für die grundlegende Frage, welche Rolle die Oper in unserer neuen, verrückten Welt noch spielt.
Transparenzhinweis: Axel Brüggemann wird in dieser Saison für das Hamburgische Staatsorchester eine neue Version von Peter und der Wolf schreiben.
Der Artikel erschien zuerst im SALON Magazin

