Wie macht man heute ein Festival über den »American Dream«, Herr Nordmann?

Januar 28, 2026
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Sebastian Nordmann, Intendant Luzern Festival (Foto: Borggreve)

Sebastian Nordmann stellt seine erste Saison als Intendant des Lucerne Festivals vor. Das Motto lautet: »American Dreams«. Georg Rudiger hat sich mit ihm getroffen und über die Nachfolge von Michael Haefliger gesprochen, über politische Provokationen, musikalische Feste und amerikanische (Alp-)Träume. 

English summary: Sebastian Nordmann presents his first Lucerne Festival season under the theme »American Dreams.« Building on a strong legacy, he avoids party politics while promoting artistic exchange and democratic values through American music and artists like Gershwin, Reich, Yo-Yo Ma and Amanda Gorman. Nordmann emphasizes dialogue, bridges between Europe and the US, stylistic openness within classical music, audience engagement, and festivals as shared cultural celebrations.

BackstageClassical: Das Lucerne Festival steht künstlerisch und finanziell gut da. Ihr Vorgänger Michael Haefliger hat Innovation mit Breitenwirkung verbunden. Vieles bleibt beim Alten: Das Lucerne Festival Orchestra und die Academy, aber auch die Gastspiele großer Sinfonieorchester. Wäre es nicht reizvoller für Sie gewesen, ein kriselndes Festival zu übernehmen, um stärker die eigene Handschrift zu zeigen? 

Sebastian Nordmann: Es hat beides seinen Reiz. In Luzern ist das Spannende, bereits in der Champions League einzusteigen und sich trotzdem noch zu überlegen, wo wir besser werden können. Dass hier die weltbesten Orchester gastieren, gibt es in dieser Fülle nirgendwo anders auf der Welt. 

Das Motto des Festivals lautet »American Dreams«. Da fallen vielen die gegenwärtigen Zustände in den USA ein, etwa die massive Gewalt durch die ICE-Brigaden – für viele eher ein Alptraum. Sie beginnen Ihr Grußwort mit den Zeilen »Summertime, and the livin‘ is easy«. Werden Sie im Festivalprogramm auf die veränderte Lage in den USA reagieren?

Nordmann: Parteipolitisch oder wirtschaftspolitisch möchten wir keine Stellung nehmen. Uns sind die amerikanischen Träume wichtig, die sich beispielsweise in der Musik von George Gershwin oder in der Minimal Music von Steve Reich und John Adams zeigten. Persönlichkeiten wie Yo-Yo Ma oder Hilary Hahn bis hin zur Poetin Amanda Gorman sind aufgrund ihrer Kunst eingeladen. Aber natürlich möchte ich im Austausch mit ihnen über das Verhältnis zwischen Europa und Amerika sprechen können. Ein Forum für Parteipolitik wollen wir aber nicht sein. Wir möchten im Austausch bleiben und Brücken schlagen. 

Jenseits der Parteipolitik

Glauben Sie nicht, dass bei einer weiteren Eskalation in den USA solch ein positiv konnotiertes Motto im Sommer auch zynisch wirken kann? 

Nordmann: Zynisch finde ich es nicht, wenn wir durch den Amerika-Schwerpunkt Künstlerinnen und Künstler aus den USA einladen. Wenn sie dann hier vor Ort mit Journalisten in Kontakt kommen, dann werden wir das natürlich nicht verhindern, es aber auch nicht aktiv fördern. Aber ein Austausch ist natürlich grundsätzlich immer positiv. 

Zur Person: Sebastian Nordmann wurde 1971 in Kiel geboren und studierte Musikwissenschaft und neuere Geschichte in Heidelberg und Berlin. Er promovierte über das Schleswig-Holstein Musik Festival. Nach Stationen als Unternehmensberater und Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern leitete er von 2009 bis 2025 das Konzerthaus und sein Orchester in Berlin.

Das Festival möchte für demokratische und humanistische Werte einstehen. Der Stiftungsrat verlangt vom Festival Relevanz. Ist das nicht ein Widerspruch, wenn man als Festival keine Stellung zur aktuellen Situation in den USA einnimmt? 

Nordmann: Ich glaube es wäre falsch, wenn Kulturinstitutionen sagen, was parteipolitisch richtig oder falsch ist. Wir wollen für etwas sein und nicht gegen etwas. Wir vertreten Werte, die beispielsweise aus der Unabhängigkeitserklärung der USA von 1776 stammen. Wer sich für Hass und Gewalt ausspricht, wird bei uns nicht auftreten. Wir möchten die Orchester und Künstlerinnen und Künstler aus den USA unterstützen – und ihnen zeigen, dass wir sie hören und sehen. 

Das Lucerne Festival: (Foto: Ketterer)

Das Motto »American Dreams« hat auch zur Folge, dass die Musik, die bei Lucerne Festival diesen Sommer gespielt wird, stilistisch noch breiter aufgestellt ist. Am letzten Festivalwochenende haben Sie die deutsche Techno-Marching Band »Meute« zu Gast, die sonst bei Rockfestivals auftritt. Ist das eine Ausnahme oder ein Fingerzeig für die Zukunft? 

Nordmann: Das ist eine Ausnahme. Wir sind ein Festival für klassische Musik. Trotzdem müssen wir uns Gedanken machen, wer hier hineingehört. »Meute« entstand aus einem klassischen Orchester. Es gibt keine harten Grenzen der klassischen Musik. Zu einem Rock-Pop-Veranstalter werden wir aber nicht.

Zukunft mit Jörg Widmann

Im Festspielhaus Baden-Baden gibt es das Take-Over-Festival mit New Classic, Indie-Pop und Jazz, in der Berliner Philharmonie das Strom-Festival mit elektronischer Musik. Damit soll auch die Schwellenangst genommen werden und ein ganz anderes Publikum angesprochen werde. Das ist nichts für Sie, oder? 

Nordmann: Für mich ist es nicht das Hauptziel, die klassische Musik aufzuweichen. Ich setze eher auf andere Formate, um neues Publikum zu gewinnen. 

Vermittlung ist Ihnen wichtig. War das auch der ausschlaggebende Grund, warum sie Jörg Widmann zum Nachfolger von Wolfgang Rihm als Leiter der Academy bestimmt haben? 

Nordmann: Jörg Widmann ist ein fantastischer Klarinettist und ein herausragender Komponist. Seine Fähigkeiten zur Vermittlung von Musik haben aber wirklich nur wenige. Wenn man erlebt, wie begeistert und begeisternd er über die fragile Musik von Mark Andre spricht, den wir hier als composer-in-residence präsentieren, dann schafft er wirklich einen Zugang dazu. Wir möchten mit Frank Zappas „»Yellow Shark«, Wolfgang Rihms »Tututuguri«, der Uraufführung von »Tongue of the Land« von Liza Lim und Werken von jungen amerikanischen Komponistinnen und Komponisten die große Vielfalt der zeitgenössischen Musik zeigen. 

Der ganze Nordmann

Ihr Vorgänger Michael Haefliger hat mit dem Lucerne Festival Orchestra und der Lucerne Festival Academy starke strukturelle Veränderungen beim Festival bewirkt. Sie sagten einmal, beim Festival 2026 bekomme man schon »den ganzen Nordmann« zu sehen, weil alles von ihnen programmiert ist. Wird es in Zukunft noch stärkere Veränderungen geben? 

Nordmann: Ich will noch nicht alles festlegen, sondern möchte auf die Welt reagieren können. Ich plane jetzt gerade 2027, und nicht wie die meisten Häuser 2028 oder 2029. Ich möchte am Puls der Zeit bleiben. Beim von Víkingur Ólafsson kuratierten »Pulse«-Festival machen wir bereits ein Wochenende mehr als früher und arbeiten in der Piuskirche Meggen mit dem Lichtkünstler Olafur Eliasson zusammen. Ich möchte über den Tellerrand hinausschauen und bin offen für neue Projekte. 

Sie möchten eine stärkere Teilhabe von größeren Teilen der Gesellschaft. Wollen Sie sich beim Festival auch mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen, wie das phasenweise auch ihr Vorgänger mit den Themen »Primadonna« oder »Diversity« versucht hat? 

Nordmann: Ein klassisches Musikfestival sollte immer über die Musik kommen. Trotzdem haben wir einen gesellschaftspolitischen Auftrag. In der Oper sorgt schon die Art der Inszenierung für Diskussionen. Im Konzertbereich ist das viel seltener, aber auch hier sollte Diskussion möglich sein. 

Sie kommen aus Berlin, wo Sie Intendant des Konzerthauses und des Konzerthausorchesters waren. Was hat Sie an der neuen Aufgabe in Luzern gereizt? 

Nordmann: Das Lucerne Festival gehört weltweit zu den bedeutendsten Klassikfestivals. Natürlich kannte ich das Festival mit seinem Intendanten Michael Haefliger als Koryphäe aus der Ferne, auch weil ich selbst beim Schleswig-Holstein Musik Festival und den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern tätig war. Bei einem Besuch im Jahr 2022 habe ich dann nochmals diesen besonderen Ort wahrgenommen: das Zusammenspiel der wunderschönen Altstadt am Vierwaldstätter See mit den Alpen im Hintergrund, dem akustisch hervorragenden und architektonisch attraktiven KKL und natürlich mit der herausragenden Qualität des Festivals. Ich war schon immer jemand, der gern musikalische Feste gefeiert hat. Für das Konzerthaus Berlin habe ich deshalb auch viele Festivals erfunden. 

Eigenfinanzierung von 90 Prozent

Sie haben vorher beruflich nur wenig mit der Schweiz zu tun gehabt. Wie empfinden Sie die Stadt Luzern und die Menschen hier? 

Nordmann: Es gibt in Luzern eine reiche Kulturlandschaft – mit dem Kunstmuseum, der Sammlung Rosengart, dem Luzerner Sinfonieorchester, dem Luzerner Theater. In 45 Minuten bin ich in Zürich mit seiner Tonhalle und der Oper. Das ist hier ein fantastischer Kulturraum. In Berlin habe ich auch 40 Minuten gebraucht, nur um aus dem Stadtteil Pankow ins Konzerthaus zu kommen. 

Ist Ihnen hier aufgefallen, dass der oder die einzelne vielleicht mehr Verantwortung trägt für die Gemeinschaft als in Deutschland? 

Nordmann: In Berlin hatte ich ein subventioniertes Haus zu leiten. Hier haben wir eine Eigenfinanzierung von 90 Prozent. Jeder Förderer empfindet sich auch als Gastgeber. Jeder sagt: Das ist auch mein Festival. Das empfinde ich als unglaublich schön. 

Neues Format Mittendrin

Ist es nicht lästig, immer das Geld zusammentreiben zu müssen

Nordmann: Nein, das mache ich sehr gerne. Wenn man jeden Tag auch bei den Förderern zeigen muss, warum sie das Festival unterstützen sollen, möchte man es auch täglich besser machen und den Motor am Laufen halten. 

Lucerne Festival »Forward« (Foto: Fischli)

Das neue Luzerner Format »Mittendrin«, bei dem die Zuhörerinnen und Zuhörer mitten im Orchester sitzen, hatten Sie bereits unter gleichem Namen für das Berliner Konzerthaus entwickelt. Mit dem Konzerthausorchester unter seiner Chefdirigentin Joana Mallwitz, die ihr Debüt in Luzern feiert, sowie dem früheren Chefdirigenten Iván Fischer gibt es eine weitere Kontinuitätslinie. Was haben Sie noch aus Berlin mitgebracht? 

Nordmann: Unbedingt Augustin Hadelich, unseren »artist-in-residence«. Wir hatten ihn im Berliner Konzerthaus auch schon als Residenzkünstler. Ein unglaublicher Geiger, den man sofort am Klang erkennt – mit einer Wärme im Ton, die einzigartig ist. Er wird mit den Berliner Philharmonikern und dem Lucerne Festival Orchestra auftreten, spielt eine Fiddle-Night und gibt einen Kammermusikabend. Außerdem bringe ich den Bereich Publikumsentwicklung mit einigen neuen Formaten mit. 

Auf was freuen Sie sich besonders beim ersten Festival? 

Nordmann: Auf die Euphorie am ersten Tag. Dieser Startschuss mit der kostenlosen Ouvertüre mit dem Lucerne Festival Orchestra im KKL und dem anschließenden »Klassik für alle: Open Air« unter dem Motto »A Cuban-Classical Night« auf dem Luzerner Europaplatz wird hoffentlich viel Energie freisetzen. Auf dieses gemeinsame Feiern freue ich mich sehr. 

Georg Rudiger

Georg Rudiger hat Musikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Freiburg und Wien studiert. Er beobachtet von Freiburg aus das Musikleben im Südwesten Deutschlands, der Schweiz und dem Elsass - als fester Freier für die Badische Zeitung, überregional u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, neue musikzeitung und Der Tagesspiegel. Er ist bei wichtigen Musikfestivals und Opernpremieren (Jurymitglied der Opernwelt), gelegentlich auch Rock- und Jazzkonzerten.

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