Lieber MDR,   

Januar 15, 2026
1 min read
MDR-Sendezentrale Leipzig (Foto:MDR/ Jehnichen)

das war‘s also! Schluss. Ende. Aus. Du hast die terrestrische Ausstrahlung Deines Klassik-Senders eingestellt. »Nicht mehr zeitgemäß«, sagst Du. Kann man ja auch streamen. 

Dabei bist Du sonst doch gar nicht so zukunftsoffen. Wenn man für Dich einen Beitrag macht, bekommt man selbst für ein paar Minuten Sendung noch einen Vertrag per Post zugeschickt, den man dann unterschrieben – am liebsten per Brieftaube – zurücksenden soll. 

Oder geht es um Inhalte? Aber warum kürzt Du die ebenfalls? So wie gerade Dein  Opernmagazin? Andere Sendungen stehen auf dem Prüfstand. Immerhin haust Du auf Insta regelmäßig was raus: Da turnt ein unlustiger Musiker-Onkel mit ollem Orchester-Garn durch die Gegend und andauernd wird zu hübschen Bildern auf Lila-Hintergrund  alles gefeiert, was Frauen betrifft – monothematisch und vollkommen kritiklos! Selbst mittelmäßige Walzer und feministisches Whitewashing patriarchaler Orchester findest Du geil! Eine ziemlich mutige Strategie für die AfD-Hochburgen Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, wenn ich das mal sagen darf!  

Okay, kritisch vor Ort bist Du schon! Äh, außer als Leipzig neulich seine Intendanten-Ausschreibung verbockte. Da hast Du uns freie Journalisten von ganz weit weg als Kritiker der Stadtpolitik vorgeschoben. War Dir selber wohl zu heikel? 

Lieber MDR, eigentlich bräuchten die Kulturtinstitutionen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Dich gerade jetzt ganz doll. Als Medium ohne Angst vor Kultur und Kulturkämpfen. Aber Du bist eine Mimose geworden! Für Dich war Journalismus gestern, Dein Heute ist der Postweg. Schade, dass Du nicht merkst, wie fahrlässig Du Dich gerade selber abschaffst. Keine Angst, das Porto für diesen Brief zahlt der Absender. 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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