China profitiert vom Chaos der Welt. Auch kulturell. In Peking gastieren sowohl Valery Gergiev und sein Mariinksy Orchester als auch die Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko.
English summary: China increasingly positions itself as the world’s cultural crossroads. While global powers drift apart, Beijing and Shanghai host ensembles from all ideological fronts — from Gergiev’s Mariinsky Orchestra to Berlin and Vienna’s Philharmonic tours. Reviving centuries of East-West exchange, China presents itself as a »neutral« stage for global art, profiting from world disorder while avoiding political confrontation.
Während eine neue Weltordnung entsteht, die USA ihre Position auf dem internationalen Parkett verschieben und Russland und Europa sich einander unvereinbar gegenüberstehen, profitiert besonders China von dieser Situation. Das Land rückt ohne großes Zutun immer weiter ins Zentrum des Weltgeschehens – nicht nur ökonomisch und politisch, sondern auch kulturell und musikalisch.
Städte wie Peking oder Schanghai sind die letzten Orte, an denen kulturelle Vertreter aus allen ideologischen Ecken der Welt noch ganz selbstverständlich nebeneinander auftreten. Der wohl größte Klassik-Veranstalter Chinas, Wu Promotion, präsentiert auf der einen Seite eine China-Tournee von Teodor Currentzis (mit seinem russischen Ensemble MusicAeterna, nicht mit der europäischen Alternative, dem Utopia Orchester) und Gastspiele von Valery Gergiev mit dem Mariinsky Orchester aus St. Petersburg, auf der anderen Seite die Tourneen der Wiener- oder die Berliner Philharmoniker. Ähnlich verhält es sich mit dem Opernhaus und dem Festival in Shanghai. Auch hier gastiert traditionell das Bolshoi Ballett neben dem Royal Opera House aus London oder – neuerdings – den Bayreuther Festspielen.

Natürlich gibt es besonders bei westlichen Kulturschaffenden auch Bauschmerzen. Es ist zu hören, dass die China-Reisen bei den Berliner Philharmonikern durchaus kritisch debattiert wurden, und Katharina Wagner, die Intendantin der Bayreuther Festspiele, erklärt, dass es keinerlei künstlerische Einschränkungen gäbe, und dass sie die Gastspiele als »Brückenbauen« verstehe.
Tatsächlich war China – gerade für westliche Kulturschaffende – seit jeher ein Ort, an dem es immer auch um Kulturaustausch ging. Im aktuellen Podcast von BackstageClassical erzählt der Komponist Tan Dun, wie er im Zusammenhang mit Nixons Besuch in China zum ersten Mal Musik von Beethoven im chinesischen Radio gehört hat: »Ein Ereignis, das mein Leben veränderte!« An wohl keinem anderen Künstler ist Chinas Wandel so persönlich nachzuvollziehen wie an Tan Dun. Er trägt den Klang seiner Heimatdörfer auf die Bühnen der Welt, in seiner Musik verbinden sich chinesische Traditionen und westliche Moderne.
Eine kleine Kulturgeschichte Chinas
China und Europa pflegen seit den Missionaren im 16. Jahrhundert (Matteo Ricci ) einen regen Kulturaustausch, der natürlich vom Wandel der jeweiligen Systeme und der sich andauernd ändernden Weltordnung begleitet wird. Schon lange vor der kommunistischen Revolution suchte China kulturelle Nähe zum Westen – und der Westen begeisterte sich für die exotische Kultur aus dem Reich der Mitte (vom Porzellan über die Wandmalereien bis zu den musikalischen Einflüssen der Pentatonik in westliche Kompositionen). Allein im 20. Jahrhundert ist die Wechselbeziehung sehr dynamisch gewesen.
Mit dem Sturz der Qing-Dynastie 1911 endete eine über zweitausendjährige Monarchie – weniger durch Revolution als durch die Reformunfähigkeit des alten bürokratischen Machtsystems in China. Das Kaisertum verlor an Autorität, westliche Schulmodelle und Universitäten hielten Einzug. Während Europa im Ersten Weltkrieg versank, zerfiel im Reich der Mitte eine jahrtausendealte Ordnung. Der Boxeraufstand markierte den gewaltsamen Auftakt dieses Umbruchs. Der antiwestliche Aufstand scheiterte militärisch, führte China aber schonungslos vor Augen, wie sehr es zwischen Tradition und Moderne zerrieben wurde.
Die »Vierte-Mai-Bewegung« wurde von Studierenden und Intellektuellen getragen und forderte politische Selbstbestimmung, kulturelle Erneuerung und öffnete China zugleich für westliche Ideen aus Wissenschaft, Kunst und Musik. Der Komponist und Musiktheoretiker Xiao Youmei versuchte, chinesische Tradition mit europäischer Musiklehre zu verbinden. In Shanghai wurde das erste Konservatorium nach westlichem Vorbild gegründet, und der italienische Dirigent Mario Paci gründete mit dem Shanghai Symphony Orchestra ein klassisches Musikleben, das sich langsam auch für ein chinesisches Publikum öffnete.
Der Bruch der Kulturrevolution
Aber es gab eben auch das andere China. Das China, das sich bewusst und radikal in Richtung Russland orientierte. Nach Maos Sieg über Chiang Kai-shek begann neben dem politischen auch der kulturpolitische Kahlschlag des eigenen Landes. Die Kultur und ihre Vertreter hatten nun der kommunistischen Revolutionsidee zu dienen. Bereits 1942 formulierte Mao in Yan’an sein Programm einer »kulturellen Armee«, deren Waffen Musik, Literatur und Theater waren. Komponisten wie Ni Er, der Schöpfer der späteren Nationalhymne, oder Xian Xinghai verbanden dabei traditionelle Klangsprache mit revolutionärem Pathos.

Der anfängliche Optimismus wich schnell dem brutalen Terror. In den 1960er Jahren sah Mao seine Macht bedroht, und die »Kulturrevolution« zerstörte gezielt und blutig Chinas kulturelle Elite. Eine zentrale Rolle spielte dabei Maos Frau Jiang Qing. Die einstige Schauspielerin wurde zur despotischen Kulturpolitikerin, verbot traditionelle Opern und ersetzte sie durch politisch kontrollierte »Modellopern«. Im Verborgenen genoss die Parteiführung damals allerdings weiterhin jene westliche Musik, die sie ihrem Volk versagte. Unter Deng Xiaoping öffnete sich China kulturell, die Konservatorien wurden wieder geöffnet, und es entstand eine neue Komponistengeneration.
Besuch der Berliner Philharmoniker
Ein wesentliches Ereignis nach Nixons bahnbrechendem Besuch in China im Jahre 1972 war der erste Besuch der Berliner Philharmoniker mit Herbert von Karajan in Peking sieben Jahre später. Westliche Klassik sollte zu einer neuen kulturellen Brücke Chinas in Richtung Europa werden. Die Konservatorien in Peking und Shanghai änderten ihre Lehrpläne, internationale Gastdozenten wie Yehudi Menuhin oder Isaac Stern kamen ins Land, und ein wachsendes Konzertleben legte den Grundstein dafür, dass China sich selbst zu einer Klassik-Nation entwickelte.

Plötzlich wurde das Klavierstudium für chinesische Kinder zum bürgerlichen Distinktionsmerkmal inmitten einer sozialistischen Ordnung, und neue Opernhäuser wurden zu Statussymbolen ganzer Städte – Mozart und Beethoven zu Zeichen gesellschaftlichen Fortschritts. Mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes wurde auch die Klassik plötzlich zu einem Millionen-Markt: Lang Lang oder Yuja Wang wurden zu globalen Marken.
Chinas Rolle als Weltmacht
Aus der Geschichte Chinas ergibt sich auch seine heutige, kulturelle Position zwischen Europa und Russland. Auch der Anfang von Wu Promotion liegt in Europa: Der Vater des heutigen Chefs, Jiatong Wu, Zezhou Wu wurde 1966 in der Kulturrevolution verfolgt, studierte in Deutschland und Österreich Physik und entdeckte hier seine Leidenschaft für die Klassik. Gemeinsam mit dem damaligen Wiener Bürgermeister Helmut Zilk organisierten er die ersten Konzerte von Wiener Orchestern in China und von chinesischen Künstlern in Wien. Dabei war er freilich stets auf das Wohlwollen der chinesischen Regierung angewiesen. Und die scheint gerade in diesen Zeiten ein besonderes Interesse daran zu haben, dass ihr Land zum Gastgeber für Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt wird – egal, ob sie sich für Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine aussprechen oder gegen ihn.
Chinas kulturpolitische Antwort auf eine Welt im Wandel ist es, sich bewusst (und damit natürlich auch medienwirksam) nicht in (kultur)politische Konflikte einzumischen. In China wird der Anschein aufrechterhalten, dass Kultur unpolitisch und das Land selber ein »neutraler« Ort sei. Ein etwas selbstgefälliges Selbstverständnis, das natürlich bei der Kritik an den eigenen Missständen aufhört. Dafür, dass China seinen Gästen die Tür zu seinen Konzertsälen ohne Ideologie-Kontrolle öffnet, will es auch nichts von Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land hören, vom Umgang mit den Uiguren oder vom diktatorischen Überwachungssystem eines Xi Jinping. Russische Ensembles lassen sich gern auf diesen Deal ein, weil sie dann auch nicht über die Machenschaften ihrer eigenen Staaten angesprochen werden, und weil China einer der letzten Orte ist, an denen sie so etwas wie die große weite Welt atmen können. Westliche Ensembles argumentieren dagegen eher damit, dass Boykotte keine Lösung für einen Wandel seien und wissen gleichzeitig, dass Gastspiele in China zum einen lukrativ sind und zum anderen eine Tradition fortsetzen, auf die viele ungern verzichten wollen.
