Es geht um die Wurst – was der Zoff um Hinterhäuser wirklich bedeutet

Februar 4, 2026
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Bosner vor dem Salzburger Festspielbezirk

Mitglieder des Festspiel-Kuratoriums befürchten einen Vertrauensverlust. Dabei ist die Verstimmung über die Suche einer neuen Schauspiel-Leitung nur die Spitze eines lange schwelenden Konfliktes um den Führungsstil des Intendanten. Ein Kommentar.

English summary: Members of the Salzburg Festival’s board fear a loss of trust in Intendant Markus Hinterhäuser. A dispute over appointing a new head of drama has reignited long-standing criticism of his leadership style, political conflicts, management decisions, and artistic stagnation. Pressure is growing from key political figures, raising doubts about whether he can remain in office until his contract ends.

Salzburgs Intendant Markus Hinterhäuser steht unter politischem Druck. Das Kuratorium der Salzburger Festspiele um Landeshauptfrau Karoline Edtstadler und Bürgermeister Bernhard Auinger werfen ihm vor, das Vertrauen des Kuratoriums zu gefährden. Edtstadler schloss eine vorzeitige Beendigung der Intendanz nicht aus. Dem ORF sagte sie: »Es gibt hier eine Ausstiegsklausel. Es gibt auch andere Klauseln, die hier vorgesehen sind und über die wird man sprechen wollen.«

Anlass der neuen Querelen (hier der ausführliche Bericht) ist, dass Hinterhäuser einen transparenten Umgang bei der Suche nach einer neuen Schauspiel-Spitze zugesagt hatte, aber offensichtlich seine Favoritin Karin Bergmann am Auswahlverfahren vorbei installieren wollte.

Die aktuellen Verwerfungen sind dabei wohl nur eine weitere Zuspitzung von Unstimmigkeiten zwischen Kuratorium und Intendant. 

Mit Hinterhäuser, der die Festspiele seit 2016 leitet, kam es zu ganz unterschiedlichen Konflikten: 

  • 2023 hat Hinterhäuser den Schauspieler Cornelius Obonya scharf angegriffen, weil der gegen eine Landeskoalition der ÖVP mit der rechtsnationalen FPÖ protestieren wollte. Das Absurde daran: Genau diese Kritik übte Hinterhäuser einst auch an seinem Vor-Vorgänger Gérard Mortier.
  • Dann war da die brutale Absetzung des Jedermann, mit der Hinterhäuser nicht nur den Schauspieler Michael Maertens und den Regisseur Michael Sturminger gegen sich aufbrachte. Letzteren erinnerte Hinterhäusers Handeln später an »Kevin allein zu Hause«. »Es gibt kein Regulativ mehr«, kritisierte Sturminger, »plötzlich ist da jemand drauf gekommen: mir sagt jetzt keiner mehr Halt.« 
  • Dilettantisch verlief auch die Entlassung der Schauspielchefin Marina Davydova. Nachdem die Festspiele sie rausgeschmissen hatten, erreichte man eine juristische Einigung, die Davydova allerdings nicht abhielt, den Intendanten scharf zu kritisieren: »Ich hätte nicht daran geglaubt, dass ich 2024 im Zentrum Europas und nach allen MeToo-Wellen einen Intendanten treffe, der eine Frau anschreit.«
  • Breite Kritik erntete Hinterhäuser auch dafür, dass er den umstrittenen griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis propagiert, der nicht nur zu Russlands Angriffen auf die Ukraine schweigt, sondern sein russisches Ensemble MusicAeterna auch von Gazprom und der VTB-Bank finanzieren lässt. 
  • Einen Eklat gab es auch mit dem Schweizer Autoren Lukas Bärfuss und der Regisseurin Yana Ross. Sie protestierten gegen das Sponsoren-Engagement von Solway bei den Festspielen und fielen in Ungnade.
  • Auch mit Festspielpräsidentin Kristina Hammer kam es immer wieder zu Reibereien. Schließlich wurde ihr die Hoheit über die Öffentlichkeitsarbeit weggenommen. »Ich bin ein emotionaler, bisweilen impulsiver Charakter«, versuchte Hinterhäuser die Auseinandersetzungen seinerzeit zu erklären.
  • Auch BackstageClassical bekam die Missgunst des Intendanten zu spüren, als der in sieben Punkten auf Unterlassung klagte, aber sowohl beim Landgericht als auch beim Oberlandesgericht Hamburg auf ganzer Linie scheiterte. Andere Medien kommentierten das Vorgehen Hinterhäusers und seines Präsidiums als Einschüchterungsversuch.
  • Hinzu kommen Klatsch und Tratsch, die nicht immer schmeichelhaft für den Intendanten sind. So bekam er aufgrund seines Verhaltens Hausverbot im Salzburger Caféhaus Bazar.

Inzwischen scheint der Unmut über Hinterhäusers Amtsführung gewachsen zu sein. Einige Mitglieder wie der scheidende Geschäftsführer der Bundestheater, Christian Kircher, hatten schon vorher Bedenken angemeldet, aber jetzt wird auch Kritik von zwei entscheidenden (und stimmberechtigten) Mitgliedern des Kuratoriums laut. Salzburgs Bürgermeister Bernhard Auinger fürchtet einen Ansehensverlust der Festspiele durch Hinterhäusers Amtsführung: »Was macht das in der Öffentlichkeit für ein Bild, wenn sich gute Kandidatinnen und Kandidaten beworben haben und dann erfahren sie aus den Medien, dass jemand die erste Wahl des Intendanten ist, der sich gar nicht dem Bewerbungsprozess unterzogen hat? Ich glaube, das kann man nicht akzeptieren.« Auinger ist SPÖ-Bürgermeister. 

Aber auch Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler – sie ist in der konservativen ÖVP – kritisiert Hinterhäuser nun öffentlich. Ihr Vorgänger, Wilfried Haslauer, war noch mit Hinterhäuser beim Ski Weltcup, und vor dem Rückzug des Politikers wurde der Vertrag des Intendanten noch verlängert.

Intendant der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser (Foto: Salzburger Festspiele, Neumayr)

Edtstadler steht für eine neue Generation. Sie ist Frau und legt Wert auf moralische Integrität – gerade in Führungspositionen. Sie ist von Haus aus Juristin und bekannt für ihr besonnenes und langfristiges Handeln. Nach Amtsantritt hat die Landeshauptfrau sich Hinterhäusers Arbeit angeschaut und sich weitgehend zurückgehalten. Sie führte zahlreiche Gespräche hinter den Kulissen. Auf eine kritische Anfrage von BackstageClassical antwortete sie Ende Dezember noch ausweichend. 

Doch inzwischen positioniert sich Edtstadler deutlicher: »Es gab hier schon öfter Diskussionen, was das Miteinander im Direktorium und auch mit dem Kuratorium betrifft«, sagte sie dem ORF, »ich finde schon, dass man diese Dinge besprechen muss. Es gilt hier, einen Weltruhm zu verteidigen, es ist ein Festival zu gestalten. Es stehen notwendige und wirklich umfangreiche Bau- und Ausbauarbeiten an – da braucht es Zusammenhalt. Da braucht es Vertrauen zueinander. Und das sehe ich im Moment nicht im vollen Umfang gegeben, das möchte ich ganz klar sagen.« 

Grenzen Überschritten?

Hat Hinterhäuser die Grenzen der Landeshauptfrau und ihren Mut zu handeln unterschätzt? War sein unkooperativer Umgang mit der Suche nach einer Schauspielleitung eine Provokation zu viel? Und sind Edtstadlers Reaktionen nun auch Antworten auf Hinterhäusers Reibereien mit Festspiel-Präsidentin Kristina Hammer, auf öffentliche Kritik an seinem Führungsstil und vielleicht auch darauf, dass der Festspielintendant sich zu sicher in seiner Rolle und seiner Handlungsfreiheit gefühlt hat? Hat die Landeshauptfrau vielleicht nur auf einen geeigneten Fehler gewartet, um den Druck auf den Intendanten zu erhöhen? Letztlich ist sein Vorgehen in Sachen Schauspielleitung ja ein eher kleineres Managementproblem, das er problemlos aus dem Weg hatte räumen können. Doch nun scheint er keinen Deckel mehr auf den kochenden Topf zu bekommen.

Es ist kein Geheimnis, dass Hinterhäusers Festspielleitung auch künstlerisch inzwischen ziemlich alt aussieht. Viele gleiche Namen, wenig Spannung – besonders in der Oper. Dass der Intendant in Zukunft auf Dirigenten wie den Österreicher Franz Welser-Möst verzichtet, spricht Bände. 

Letztlich wirkt der Streit um Markus Hinterhäuser wie ein Streit über die Zukunft der Festspiele und des Theaters an sich – und darüber, wie es in Zukunft zu führen ist. Hinterhäusers Verteidiger gehören oft selber dem kulturellen Auslaufmodell an. Sie sind nicht selten Fürsprecher eines Geniekultes, verzeihen gern emotionale Ausraster und finden, dass Kultur eben Reibung braucht – Notfalls auch jenseits der moralischen Konventionen. 

Streit über ein Auslaufmodell der Kultur

Die konservative Tageszeitung Die Presse versucht derzeit, Hinterhäusers Vorgehen in der Suche nach einer Schauspielleitung mit Herbert von Karajan zu vergleichen – dem hätte auch niemand vorgeworfen, wenn er sich keinem Auswahlverfahren gestellt hätte. Was der Kommentar nicht sieht: Die Zeiten eines Karajan sind (zum Glück) schon lange vorbei. Politische Trägerinnen der Festspiele wie die Landeshauptfrau oder der Bürgermeister, die ihre Rolle als Geldgeber auch öffentlich legitimieren müssen, sind durch derartige Argumente wohl kaum zu überzeugen. 

Auch Heinz Sichrovsky, ein innerhalb Österreich einst durchaus einflussreicher Kulturjournalist, ist heute nicht nur ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen das Gendern und für emotionale Ausbrüche von Künstlernaturen – er unterstützt auch Markus Hinterhäuser. Sichrowsky teilt hart (und zum Teil polemisch unter der Gürtellinie) gegen die Kritiker des Intendanten aus und merkt dabei wahrscheinlich nicht, dass jede seiner oft rüpelhaften Verteidigungsreden die öffentliche Skepsis gegenüber dem Intendanten eher bestärken könnte. 

Vielleicht ist es eines der größten Probleme Hinterhäusers, dass er – wenn er in der Kritik steht – gern auf die Stimmen dieser untergehenden und anachronistischen Welt hört, die ihn und seine Fehler weiterhin verteidigen. Es scheint, als fehle dem einstigen Neuerfinder der Festspiele der Mut, sich noch einmal neu zu erfinden. 

Die kontraproduktiven Verteidiger

Zu den wohl eher kontraproduktiven Verteidigerinnen Hinterhäusers gehört auch die ehemalige Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler. So lange sie im Amt war, hielt sie ihre schützende Hand über den Intendanten. Sie war es auch, die damals einen Gazprom-Deal für die Festspiele einfädeln wollte. 2025 trat sie noch bewusst an der Seite von Hinterhäuser beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker auf. Inzwischen sitzen ihre Netzwerke oft nicht mehr direkt an den Hebeln der Macht, und ihr öffentliches Eintreten für Hinterhäuser sorgt sicher nicht mehr bei jedem für ein selbstverständliches Abnicken. Auch Rabl-Stadler vertritt eben eine vergangene Kultur-Welt, die nicht mehr in unsere Zeit zu passen scheint.       

Derzeit beobachten wir also auch den Untergang der alten Welt von Markus Hinterhäuser – sowohl ästhetisch als auch ihre Machtstrukturen. Der Intendant hätte durchaus einen stilvollen und würdigen Abgang haben können, hätte er auf die letzte Vertragsverlängerung verzichtet und darauf, die Schuld für die Kritik an ihm andauernd bei seinen Kritikern zu suchen. Inzwischen scheint vielen klar geworden zu sein, dass ein »Weiter so« mit ihm bis zu seinem offiziellen Vertragsende 2031 nun schwer vorstellbar ist. Dafür wirkt Hinterhäuser  zu ausgelaugt, zu ideenlos und ist zu sehr in unnötigen Machtkämpfen verstrickt. 

Das Kuratorium trat nach seiner Sitzung am Dienstag erstaunlich einstimmig auf. Edtstadler und Auinger nutzten das gleiche Wording vom »Vertrauensverlust«. Und das tun sie wahrscheinlich nicht zufällig. Es sieht so aus, als hätte Markus Hinterhäuser nicht mehr viel Spielraum. Die politischen Protagonisten lassen ihm immerhin die Entscheidung, ob er sich mit einem Hauch letzter Würde selbst von seinen Festspielen verabschieden will.   

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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