Berlin spart ohne Struktur

November 16, 2025
2 mins read
Sarah Wedl Wilson in der Waldbühne in Berlin (Foto: Facebook)

In ihren Plänen vermeidet Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson den großen, strukturellen Wurf. Dabei wäre genau das eine Möglichkeit, um Berlins Kultur langfristig zu sichern.

English summary: Berlin’s culture senator avoids structural reforms while imposing broad funding cuts. Nearly all arts sectors face reductions, risking fewer productions and jobs. Critics argue Berlin needs bold restructuring, such as merging major opera houses, to secure long-term cultural stability.

Das Sparen in Berlin geht weiter, wenn auch im Piano. Im Berliner Doppelhaushalt 2026/2027 sind Kürzungen von insgesamt rund 130 Millionen Euro im Kulturhaushalt vorgesehen. Die Mittel für Kultur sollen im kommenden Jahr um 74 Millionen Euro und 2027 um weitere 56 Millionen sinken. Bereits 2025 war der Etat um 133 Millionen Euro geschrumpft. Damit spart der Senat im Kulturbereich überdurchschnittlich stark.

Berlins neue Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson hält dabei am Gießkannen-Prinzip ihres Vorgängers Joe Chialo fest. Die Kürzungen treffen nahezu alle Sparten. So sollen beim Fonds Digitaler Wandel 6,8 Millionen Euro entfallen, bei der Schaubühne 540.000 Euro, bei der Volksbühne 730.000 Euro und beim Berliner Ensemble rund 600.000 Euro. Auch die großen Opernhäuser und das Staatsballett müssen gemeinsam 6,6 Millionen Euro weniger auskommen. Kleinere Einsparungen betreffen Programme wie das Arbeitsraumprogramm (minus 135 000 Euro) oder den Kunstpreis des Landes Berlin (minus 22 500 Euro).

Der Sparplan hat keine Vision

Trotz der Einsparungen bekräftigte Wedl-Wilson ihr Versprechen, dass keine Häuser geschlossen werden. Personal- und Tariferhöhungen sollen weiter ausgeglichen werden, heißt es aus der Kulturverwaltung. »Wir müssen wirtschaftlich handeln, aber die kulturelle Vielfalt sichern«, sagt die Senatorin. Die gestiegenen Energie- und Sachkosten sollen die Einrichtungen allerdings weitgehend selbst tragen. Wedl-Wilson setzt auf sogenannte »Shared Services«, also gemeinsame Strukturen und Werkstätten, um langfristig Kosten zu senken. Ob das gelingt, soll zunächst eine Unternehmensberatung prüfen.

Wedl-Wilsons Sparplan bleibt dennoch Stückwerk, mit dem zwar schnelle Einsparungen möglich werden, ein perspektivischer Strukturwandel aber kaum angestrebt wird. Um den Haushalt auch langfristig zu entlasten, bräuchte es einen Fahrplan mit strukturellen Visionen, wie einst mit der Opernstiftung. Wie wäre es zum Beispiel, die Intendanzen von Staatsoper und Deutscher Oper zusammenzulegen? Die zwei Häuser bieten sich für unterschiedliches Repertoire an – zwei Chefdirigenten und Intendanzen sind unnötig. Selbst über die Rolle der Orchester ließe sich nachdenken, wenn die Häuser aus einer Mischung von Repertoire und Stagione-Prinzip betrieben würden. Eine Fusion, die mittelfristig für große Spareffekte und vielleicht auch eine klarere künstlerische Zuspitzung sorgen würde.   

Fusion von Staatsoper und Deutscher Oper?

Laut Haushaltsentwurf will Berlin auch 2026 weiterhin rund 174 Millionen Euro für seine Opernhäuser bereitstellen – umgerechnet rund 44 Euro pro Einwohner. Für Theater sind 191 Millionen Euro vorgesehen (49 Euro pro Einwohner), für Museen 147 Millionen (37 Euro pro Einwohner). Damit bleibt Berlin im internationalen Vergleich ein Spitzenreiter bei der Kulturförderung, auch wenn die Spielräume enger werden.

In der Praxis bedeuten die Einsparungen weniger Premieren, kleinere Besetzungen und schlichtweg weniger Jobs – vor allem für Freiberuflerinnen und Freiberufler, die in den großen Häusern häufig projektweise beschäftigt werden. Die Schauspielergewerkschaft BFFS rechnet bereits mit einer »dramatisch verschärften Beschäftigungssituation« im Kulturbereich. Gerade auch deshalb ist es eine Frage, warum Berlin nicht an die kostspieligen Strukturen geht, sondern Privilegien, die kaum noch zu erklären sind auf Kosten einer flexibleren Kulturlandschaft aufrecht erhält. 

Gefühl von Solidarität

Doch genau das vermeidet Wedl-Wilson. Sie gibt Berlins Kulturschaffenden das Gefühl der Solidarität. Das ist gut und richtig. Aber ein gemeinsames Nachdenken über langfristigere Änderungen würde das nicht ausschließen. Wedl-Wilsons offensichtliche Strategie ist es, die Institutionen »mitzunehmen«. Auch deshalb scheinen die massiven Kürzungen derzeit auch kaum nicht ein Aufregerthema zu sein. Während im vergangenen Jahr noch Tausende Künstler gegen die Sparpolitik demonstrierten, blieb eine größere Protestwelle diesmal aus. 

Die neue Senatorin operiert klüger als ihr Vorgänger Joe Chialo, sie suggeriert ein »Miteinander«, könnte dabei aber auch den Moment verpassen, in der Krise neue Strukturen für die Zukunft zu etablieren. Ihr Sparhaushalt wirkt als würde sie viele Pflaster auf einem Körper mit gebrochenen Knochen kleben. Fraglich, wie lange das noch gut geht.

Der Kulturetat für Berlin wird voraussichtlich im Dezember im Haushaltsgesetz verabschiedet.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Hinterhäusers Truppen

Mit einer Unterschriftenliste bekennen sich Künstlerinnen und Künstler zu Salzburgs Festspielintendant Markus Hinterhäuser – eine Unterstützung, die auch kontraproduktiv sein könnte.

Liebe Carolin Widmann,

Sie haben es der Lufthansa Länge mal Breite gegeben, damals: Zittern, Weinen, Hilferufe! Mensch, was sind Sie in die Luft gegangen auf Instagram! Als die Flughafen-Security sie zwang, Ihre millionenschwere Guadagnini-Geige auf den

Armin Petras wird neuer Intendant am Theater Bremen

Armin Petras wird neuer Intendant am Theater Bremen Bremen (dpa) – Der Regisseur und Autor Armin Petras übernimmt zur Spielzeit 2027/2028 die Intendanz des Theaters Bremen. Das teilte die Bremer Senatspressestelle am

Ein Gentleman der Stimme

Der belgische Bassbariton José van Dam ist im Alter von 85 Jahren in Brüssel gestorben. Über fünf Jahrzehnte prägte er die Opernbühnen Europas – mit klanglicher Noblesse, stiller Autorität und großer Menschlichkeit.

Lieber Christian Kircher, 

zum 1. April verlassen Sie eines der schönsten und größten Büros der Wiener Kulturlandschaft und geben das Amt des Geschäftsführers der Österreichischen Bundestheater-Holding ab. Einige Male haben Sie mich freundlich »vorgeladen«, um

Wie die Oper zum Medium wird

Nach der Phonoindustrie torkeln nun auch die Klassik-Medien in eine Krise. Man könnte das Schwarzmalen beginnen, aber die Zukunft hat gerade erst begonnen – und auch die Suche nach neuen Finanzierungsmodellen. Ein

Tod eines Bühnentiers

Wolfgang Schmidt: Stählerne Stimme, musikalischer Präzision und unbändige Bühnenpräsenz. Sein Humor bleibt unvergessen. Ein Nachruf von Sven Friedrich.

Liebe Hilary Hahn,

wir haben uns vor 19 Jahren zum ersten Mal getroffen. Damals hast Du Kindern für unsere Serie »Der Kleine Hörsaal« bei der Deutschen Grammophon The Larc Ascending von Vaughan Williams erklärt –

Liebe Waltraud B.,

Sie schreiben mir fast nach jedem Newsletter – und meckern, und nörgeln und verbessern. So viel Rage ist eine wahre Freude. Ich muss gestehen, in der Regel lösche ich Ihre Mails ungelesen. Aber

Milos Kack-Theater

Milo Raus Prozess gegen Deutschland plädiert am Ende dafür, ein Verbot der AfD zu überprüfen. In Wahrheit verzerrt die Inszenierung aber unsere Wirklichkeit. Eine Einordnung.

Verpassen Sie nicht ...