»Die künstlerische Freiheit ist bedroht«

Juni 17, 2025
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Peter Gelb, der Intendant der Met in New-York (Foto:Metopolian Opera)

Die Amtszeit von Donald Trump hat laut Met-Intendant Peter Gelb gravierende Folgen für die US-Kulturlandschaft. Im BackstageClassical-Podcast spricht Gelb über sinkende Touristenzahlen, gestrichene Bundesmittel und die bedrohte künstlerische Freiheit. Er warnt Europas Theater vor dem Ende staatlicher Förderung.

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English summary: According to Met General Manager Peter Gelb, Donald Trump’s tenure has had serious consequences for the US cultural landscape. In the BackstageClassical podcast, Gelb discusses declining tourist numbers, cuts in federal funding, and the threat to artistic freedom. He warns European theaters about the potential end of government subsidies.

Die Amtszeit von Donald Trump hat nach Ansicht von Peter Gelb, dem Intendanten der Metropolitan Opera in New York, massive Auswirkungen auf Amerikas Kulturlandschaft gehabt. Gelb beschreibt die Lage in den Vereinigten Staaten als »sehr kompliziert«. Im Podcast von BackstageClassical spricht Peter Gelb über die Kulturszene in den USA zur Zeit von Donald Trump, über die demokratische Rolle der Oper in Zeiten wachsender autokratischer Staaten – und er warnt Theater in Europa vor dem Ende der Subventionen.

Ein spürbarer Rückgang der Touristenzahlen sei eine direkte Folge, so Gelb. Nach Trumps Amtsantritt kamen seinen Angaben zufolge 17 Prozent weniger Touristen nach New York. Die Zahl der kanadischen Besucher sei sogar um 75 Prozent gesunken. Dies habe auch die Einnahmen der Metropolitan Opera, die vor der Pandemie zu 20 Prozent von internationalen Besuchern abhing, negativ beeinflusst.

Ende der staatlichen Finanzierung

Neben dem Besucherrückgang sei auch die Bundesfinanzierung für die Künste praktisch vollständig eingestellt worden, kurz nachdem die Trump-Regierung die Macht übernahm. Für die Met, die weniger als ein Prozent ihres Budgets von der Bundesregierung erhielt, hatte dies zwar» keine merklichen Auswirkungen«. Doch Gelb warnte, dass diese Streichungen »für kleinere Kunstorganisationen im ganzen Land verheerend sein könnten«.

Über die finanziellen Aspekte hinaus sei die kulturelle Atmosphäre betroffen, so Gelb. Er empfindet ein »schleichendes Gefühl, dass die künstlerische Freiheit bedroht ist«. Als offensichtlichstes Beispiel nannte er das Kennedy Center, das unter der finanziellen Kontrolle der Regierung stehe, was dieser erlaube, dort Veränderungen vorzunehmen. Gelb selbst glaubt fest »an die künstlerische Freiheit als Grundpfeiler der Demokratie und der Zivilisation«. Er sieht die Freiheit weltweit durch den Aufstieg autokratischer Regierungen bedroht und betont, dass man nicht zulassen dürfe, »dass künstlerische Freiheit „beschädigt oder zerschlagen wird.«

Demokratische Botschaft in Zeiten wachsender Autokratie

Angesichts der Frage, warum die Kulturszene in den USA oft so zurückhaltend sei, sprach Gelb von der Angst vieler Menschen. Er verwies auf eine Regierung, die einen Großteil ihrer Zeit mit »aktiver Vergeltung« verbringe, was es für Einzelpersonen sehr schwierig mache. Dennoch sei es »eine Lehre der Geschichte, dass Einschüchterung durch autokratische Regierungen kein Rezept für Erfolg sei«. Gelb sieht Amerika derzeit in einem »Zustand der Gefahr«, äußert jedoch die Hoffnung, »dass die demokratischen Prinzipien des Landes letztendlich „sich durchsetzen werden«.

Die Metropolitan Opera stehe für Demokratie und kulturelle Meinungsfreiheit, hob Gelb hervor. Die Künstler und Mitarbeiter des Hauses seien sich dessen bewusst. Gelb habe selbst bei verschiedenen Gelegenheiten öffentlich die Bedeutung des Widerstands gegen Autokratie betont, etwa bei einer Aufführung von Fidelio. Die Met sei ein »Symbol kultureller Demokratie weltweit«.

Trennung von Geld und Kunst

Gelb verteidigte die Rolle der Met als eine Institution, die trotz finanzieller und politischer Herausforderungen ihre künstlerische Unabhängigkeit bewahrt. Er habe bei seinem Amtsantritt vor 20 Jahren deutlich gemacht, dass der Vorstand zwar finanzielle Unterstützung und Governance bieten, aber keinen künstlerischen Rat geben solle. Dies sei »wie die Trennung von Kirche und Staat, ein grundlegendes Prinzip in Amerika, das künstlerische Unabhängigkeit von privaten Spendern ermögliche«.

Die Met bleibe trotz der Umstände ihrer Mission treu, relevante Kunst zu präsentieren. Das Repertoire umfasse sowohl neue Opern mit Geschichten, die sich auf aktuelle Zeiten beziehen, als auch Klassiker, die in der heutigen Gesellschaft »eine neue Bedeutung« erhalten. Die Aufgabe der Kunst sei es nicht, zu »belehren, sondern „Aufführungen zu bieten, die gute Geschichten erzählen und in einer zersplitterten Gesellschaft extra relevant sind.« Kunst solle »Wahrheit und Freiheit« unterstützen. Gelb betonte, dass die Met weder dem Publikum noch den Spendern moralische Vorträge halte, sondern hoffe, dass ihre Arbeit selbst diese Werte vermittle.

Warnung an Europa

Peter Gelb sieht auch europäische Opernhäuser und Kulturinstitutionen in großer Gefahr durch den Aufstieg von Rechtspopulismus und Nationalismus. Er warnt, dass diese Bewegungen künstlerische Institutionen zu untergraben drohen. Im Gegensatz zu den USA seien viele europäische Häuser auf staatliche Finanzierung angewiesen. Gelb befürchtet, dass europäische Opernkompanien, die sich womöglich an die staatliche Förderung gewöhnt haben, in ernsthafte Schwierigkeiten geraten könnten, wenn diese Gelder plötzlich wegfallen. Er verweist auf ein Beispiel aus England, wo eine Kulturministerin der Konservativen Partei angegriffen wurde, weil sie bei einer Opernaufführung gesehen wurde, was die wachsende Kluft zwischen Politik und Kultur verdeutliche. 

Gelb rät europäischen Einrichtungen, umsichtig zu handeln, nicht aus Angst, sondern aus Verantwortungsbewusstsein, und gleichzeitig eine breitere Öffentlichkeit anzusprechen, ohne künstlerische Ideale zu kompromittieren.

Die Met, so Gelb, sei durch ihre Kinovorstellungen und Radioübertragungen so etwas wie eine »Welt-Operngesellschaft«. Das größte Publikum für die Kinoübertragungen der Met sei in den USA, Deutschland sei das zweitgrößte. Die Zuschauerzahlen in Kinos weltweit seien seit der Pandemie zwar auf etwa die Hälfte des früheren Niveaus (von einer Viertelmillion auf rund die Hälfte) gesunken, aber man arbeite daran, dies wiederzugewinnen.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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