Der israelische Dirigent Lahav Shani kritisiert die politische Führung seines Heimatlandes. Er fordert Konsequenzen aus dem Versagen vom 7. Oktober, verurteilt die Gewalt israelischer Siedler und wirbt für Mitgefühl mit den palästinensischen Opfern des Gaza-Krieges. Zugleich wendet er sich gegen Boykotte und Einschüchterungen israelischer Künstler. Der Brief wurde zuerst in »Haaretz« und wurde auch an BackstageClassical geschickt.
Der israelische Dirigent Lahav Shani hat sich mit einem eindringlichen Appell für mehr Menschlichkeit, politische Verantwortung und gegenseitiges Mitgefühl in die Debatte über die Zukunft Israels eingeschaltet. In einem Gastbeitrag, der zunächst in der israelischen Tageszeitung »Haaretz« und anschließend auch an BackstageClassical versendet wurde (wir bringen es am Ende dieses Textes im Original), kritisiert der Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra die politische Führung seines Landes ungewöhnlich deutlich. Er verurteilt rassistische Äußerungen israelischer Regierungsvertreter, fordert ein Ende der Gewalt radikaler Siedler im Westjordanland und mahnt, auch das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung anzuerkennen.
Shani, der sich bislang vor allem durch seine musikalische Arbeit öffentlich positioniert hat, begründet seinen Vorstoß mit der Sorge um die gesellschaftliche Entwicklung Israels. Sein Leben lang habe er sich durch Musik ohne Worte ausdrücken können. Angesichts der gegenwärtigen Situation empfinde er es jedoch als notwendig, sich ausführlicher zu grundlegenden gesellschaftlichen Fragen zu äußern.
Verantwortung für den 7. Oktober
Im Mittelpunkt seiner Kritik steht zunächst die politische Verantwortung für den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023. Die damalige israelische Führung müsse für das politische und nachrichtendienstliche Versagen, das den Angriff ermöglicht habe, ebenso zur Verantwortung gezogen werden wie für die Ereignisse danach. Shani schreibt: »Es ist schlichtweg inakzeptabel, dass sich jemand, der an der Macht bleiben will, der öffentlichen Rechenschaftspflicht entzieht.«
Dabei geht es ihm nicht allein um die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern auch um die Frage, welche Werte die israelische Gesellschaft künftig prägen sollen. Politische Führung bedeute, Verantwortung für sämtliche Bürgerinnen und Bürger zu übernehmen – unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion.
Ausdrücklich fordert Shani die vollständige politische Gleichberechtigung arabischer Israelis. Den pauschalen Ausschluss arabischer Parteien von politischen Bündnissen bezeichnet er als »beschämend und rassistisch motiviert«.
Mitgefühl darf nicht an nationalen Grenzen enden
Besonders eindringlich äußert sich Shani zur humanitären Situation im Gazastreifen. Er erinnert an die israelischen Opfer des Hamas-Angriffs, an die Ermordeten, die Geiseln und deren Angehörige. Ihre Leiden dürften nicht vergessen werden. Zugleich dürfe das Mitgefühl nicht auf die eigene Bevölkerung beschränkt bleiben.
Die Sicherheit israelischer Bürgerinnen und Bürger müsse gewährleistet werden. Das schließe jedoch Mitgefühl mit den palästinensischen Zivilisten keineswegs aus. Besonders verweist Shani auf die Hunderttausenden Kinder im Gazastreifen, die keinerlei Verantwortung für die Gewalt trügen und dennoch unter ihren Folgen leiden müssten.
Zwar habe die Hamas mit ihrem Angriff den Krieg ausgelöst und am 7. Oktober ein brutales Massaker verübt. Die Opfer des anschließenden Krieges seien jedoch keineswegs ausschließlich Israelis. Mitgefühl sei ein zentraler jüdischer Wert mit tiefer historischer Bedeutung. Shani formuliert daraus eine politische und moralische Forderung: »Ohne gegenseitiges Mitgefühl wird es niemals eine Lösung für den Konflikt geben.«
Auch die Gewalt israelischer Siedler im Westjordanland müsse nach diesen Maßstäben beurteilt werden. Sie verlange eine eindeutige Verurteilung und ein entschlossenes Eingreifen.
Deutliche Kritik an israelischen Regierungsvertretern
Ungewöhnlich scharf fällt Shanis Kritik an der Sprache einzelner israelischer Politiker aus. Er verweist auf öffentliche Äußerungen, in denen unter anderem der Einsatz einer Atombombe gegen Gaza als Möglichkeit bezeichnet, die Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung in Aussicht gestellt oder die gezielte Tötung zahlreicher Menschen gefordert worden sei.
Solche Aussagen würden in Israel vielfach als Provokationen politischer Selbstdarsteller abgetan und schnell wieder vergessen. International blieben sie jedoch in Erinnerung.
Shani warnt davor, diese Rhetorik zu verharmlosen. Schließlich stammten die Aussagen von Menschen, die politische Verantwortung trügen und über Menschenleben entscheiden könnten. Sie würfen deshalb auch grundlegende Fragen zum Vorgehen Israels im Gazastreifen auf.
Das Wegsehen angesichts der Siedlergewalt, teilweise sogar deren politische Anstachelung, bezeichnet Shani als schwerwiegendes moralisches Versagen. Dadurch werde die Zukunft Israels als demokratischer Staat gefährdet.
Er beobachte eine zunehmende Verrohung der politischen Auseinandersetzung, eine Missachtung menschlichen Lebens und wachsenden Rassismus. Von politischen Führungspersönlichkeiten erwarte er dagegen eine Vorbildfunktion, insbesondere gegenüber jungen Menschen. Mitgefühl und Menschlichkeit seien keine Schwäche. Sie stünden auch nicht im Widerspruch zum Recht Israels auf Selbstverteidigung.
Gegen den Boykott israelischer Künstler
Neben der Kritik an der eigenen Regierung wendet sich Shani entschieden gegen den wachsenden internationalen Druck auf israelische Künstlerinnen und Künstler.
Ein Teil der Boykottbewegung richte sich nach seiner Einschätzung nicht allein gegen konkrete politische Entscheidungen, sondern gegen die Existenz des Staates Israel selbst. Für manche Aktivisten genüge bereits die israelische Staatsangehörigkeit, um Künstler auszugrenzen oder zu bestrafen.
Als Beispiel nennt Shani einen Auftritt mit dem Israel Philharmonic Orchestra in Paris, bei dem Störer im Konzertsaal Feuer entzündet und Gegenstände auf die Musiker geworfen hätten.
Er verurteilt solche Aktionen entschieden und unterscheidet zwischen legitimer Meinungsäußerung und Einschüchterung. Politische Kritik sei selbstverständlich erlaubt. Gewalt, Drohungen und der Versuch, andere zum Schweigen zu bringen, seien es nicht.
Zugleich sieht Shani einen Zusammenhang zwischen der internationalen Kritik und dem Verhalten israelischer Politiker. Selbst Freunden Israels falle es angesichts der Äußerungen gewählter Regierungsvertreter zunehmend schwer, das Land zu verteidigen. Damit richtet sich sein Appell in zwei Richtungen: gegen eine pauschale Ausgrenzung israelischer Künstler und gegen die politischen Entwicklungen in Israel, die dessen internationales Ansehen beschädigten.
Das Orchester als gesellschaftliches Vorbild
Shani betont, dass er nicht als Politiker spreche, sondern als Musiker und vor allem als Mensch. Dabei verweist er auf die besondere Geschichte des Israel Philharmonic Orchestra.
Das Orchester wurde in den 1930er-Jahren gegründet, um jüdischen Musikern, die vor der Verfolgung in Europa flohen, eine neue Perspektive zu eröffnen. Aus diesen Anfängen sei ein international renommierter Klangkörper geworden.
Obwohl das Orchester eine unabhängige Institution sei, verstehe es sich als Repräsentant der israelischen Gesellschaft. Shani hebt neben seiner künstlerischen Qualität insbesondere dessen Bildungsarbeit und sein Engagement für die Verständigung zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen hervor. Dazu gehöre ausdrücklich auch die arabische Gemeinschaft in Israel.
Für Shani steht diese Arbeit beispielhaft für eine Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenfinden können, ohne ihre Unterschiede aufgeben zu müssen.
Musik als Schule der Menschlichkeit
Am Ende seines Beitrags kehrt Shani zu der Frage zurück, welche Rolle die Musik in einer von Krieg und Hass geprägten Gesellschaft spielen kann. Er schreibt: »Musik hat noch nie einen Krieg beendet, doch sie lehrt uns viel über Menschlichkeit, denn sie verlangt von uns, zuzuhören, nachzudenken und zu fühlen.«
Darin liegt für ihn auch ein gesellschaftlicher Auftrag. Die Fähigkeit zuzuhören, andere Perspektiven wahrzunehmen und fremdes Leid anzuerkennen, dürfe nicht auf den Konzertsaal beschränkt bleiben. Shani verbindet damit die Hoffnung auf eine neue politische Kultur in Israel. Er wünscht sich Führungspersönlichkeiten, die Menschlichkeit, Mitgefühl und persönliche Verantwortung nicht als Hindernisse politischer Macht betrachten, sondern als Grundlage ihres Handelns.
Original-Statement von Lahav Shani
Mein Leben lang wusste ich, mich durch die Musik ohne Worte auszudrücken. Für mich ist die universelle Kraft der Musik, Menschen miteinander zu verbinden, etwas viel Stärkeres und Emotionaleres als alle Worte. Doch angesichts meiner tiefen Besorgnis über unsere gegenwärtige Realität empfinde ich es als notwendig, mich ausführlicher zu grundlegenden Fragen zu äußern, die uns alle betreffen und weitreichende Folgen für unsere Zukunft haben. In diesen Zeiten, zwischen der Trauerphase nach dem 7. Oktober 2023 und den bevorstehenden Wahlen in Israel, stellt sich mir die Frage: Welche menschlichen Werte sollten wir alle als eine Gesellschaft teilen?
Politische Verantwortung übernehmen
Gute Führungspersönlichkeiten gehen in allen Lebensbereichen – nicht nur in der Politik – mit gutem Beispiel voran. Deshalb muss ich zunächst betonen, dass diejenigen, die am 7. Oktober die Führung meines Landes innehatten, die Verantwortung für das politische und nachrichtendienstliche Versagen tragen müssen, das zu den Gräueltaten jenes Tages geführt hat – ebenso wie für die Ereignisse danach. Es ist schlichtweg inakzeptabel, dass sich jemand, der an der Macht bleiben will, der öffentlichen Rechenschaftspflicht entzieht.
Zweitens muss sich jeder, der das Land führen will, dazu verpflichten, dessen gesamte Bevölkerung zu vertreten. Das bedeutet, arabische Israelis als in jeder Hinsicht gleichberechtigte Bürger anzuerkennen. Ich halte den pauschalen Boykott arabischer politischer Parteien für beschämend und rassistisch motiviert.
Mitgefühl kennt keine Grenzen
Wenn ich an Israel denke, an meine Heimat, darüber, was für ein Land ich mir für uns wünsche – welche Werte die Gesellschaft prägen sollen, in der unsere Kinder und Enkelkinder aufwachsen werden –, dann sehne ich mich nach mehr Mitgefühl und Empathie für all jene, die am 7. Oktober Leid erfahren haben, darunter die Hinterbliebenen, die Geiseln und ihre Angehörigen.
Zugleich müssen verantwortungsvolle Führungspersönlichkeiten erkennen, dass die Gewährleistung der Sicherheit israelischer Bürgerinnen und Bürger nicht auf Kosten von Trauer und Mitgefühl für Palästinenser im Gazastreifen gehen muss, die nicht an den Kampfhandlungen beteiligt sind – allen voran für die Hunderttausenden palästinensischen Kinder, die sich die schreckliche Realität, in der sie sich nun befinden, nicht ausgesucht haben.
Auch wenn es die Hamas war, die den Angriff begonnen und am 7. Oktober das brutale Massaker verübt hat, beschränken sich die Opfer des darauffolgenden Krieges nicht allein auf Israelis. Mitgefühl ist ein jüdischer Wert von tiefer historischer Bedeutung, und es ist unerlässlich, dass wir uns eine einfache Wahrheit zu Herzen nehmen: Ohne gegenseitiges Mitgefühl wird es niemals eine Lösung für den Konflikt geben.
Derselbe moralische Kompass sollte auch unseren Umgang mit der ausufernden Gewalt von Siedlern im Westjordanland leiten – einer Gewalt, die eine unmissverständliche Verurteilung und ein Eingreifen erfordert, um ihr ein Ende zu setzen.
Israelische Künstler unter Druck
Der Druck auf Israel nimmt von Tag zu Tag zu und reicht weit über Politik, Diplomatie und internationalen Handel hinaus. Unter anderem wird weltweit intensiver Druck auf israelische Künstlerinnen und Künstler ausgeübt. Ein erheblicher Teil davon entspringt einem politischen Aktivismus, dessen Agenda die bloße Existenz des Staates Israel ablehnt. In den Augen dieser Extremisten ist allein die Tatsache, Israeli zu sein, eine Sünde, die Bestrafung verdient.
Ein Beispiel dafür haben wir vor etwa einem Jahr erlebt, als bei einem Auftritt des Israel Philharmonic Orchestra und mir in Paris Randalierer im Saal Feuer zündeten und uns mit Gegenständen bewarfen.
Das ist ein abscheuliches Phänomen, dem wir uns widersetzen müssen. Eine Meinung zu äußern ist legitim – andere mundtot zu machen, einzuschüchtern oder Gewalt anzuwenden, ist es nicht.
Die Verrohung der politischen Sprache
Wir haben Freunde auf der ganzen Welt, doch selbst ihnen fällt es angesichts der schockierenden Äußerungen unserer eigenen gewählten Volksvertreter schwer, Israel zu verteidigen. Zum Beispiel: »Eine Atombombe auf Gaza abzuwerfen, ist eine Option«; »In zwei, drei Jahren werden wir mit einer halben Million Juden in Gaza sein, und die zwei Millionen Araber werden nicht mehr dort sein«; oder »Jede Nacht 30 bis 40 Menschen durch gezielte Tötungen eliminieren – und zwar nicht nur diejenigen, von denen eine unmittelbare Bedrohung ausgeht.«
Viele Israelis tun die Politiker, die so etwas sagen, als bloße Clowns ab, die durch Provokation Sendezeit erheischen wollen. Hier in Israel sind diese Aussagen schnell wieder vergessen – anderswo jedoch nicht, und das zu Recht. Denn diese abscheulichen Aussagen stammen von Personen, die die Befugnis besitzen, über Menschenleben zu entscheiden, und sie werfen schwierige moralische Fragen bezüglich der Geschehnisse im Gazastreifen auf.
Und wie steht es um die Lage im Westjordanland? Wegzusehen bei der Siedlergewalt – sie stellenweise sogar noch anzustacheln – stellt ein schwerwiegendes moralisches Versagen dar, eines, das die Zukunft des Staates Israel als legitime Demokratie aufs Spiel setzt. Erwarten wir etwa, dass dieser Zustand ungehindert und ohne jede Reaktion fortbestehen kann?
Unsere gewählten Volksvertreter sollten die Besten unter uns sein und sollten den Kindern, die ihren Worten lauschen und zu ihnen aufschauen, als Vorbilder dienen. Stattdessen erleben wir in den letzten Jahren eine Verrohung des öffentlichen Diskurses, eine Missachtung des menschlichen Lebens und eine Zunahme von Rassismus.
Ich hoffe, dass schon bald ihrer Aufgabe würdige Führungspersönlichkeiten in Erscheinung treten werden – Führungspersönlichkeiten, die verstehen, dass Mitgefühl und Menschlichkeit weder Zeichen von Schwäche sind noch die Rechtfertigung für unsere Selbstverteidigung schmälern.
Ein Orchester als Botschafter der Menschlichkeit
Das alles sage ich natürlich nicht als Politiker, sondern als Musiker – und in allererster Linie als Mensch. Als Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra war ich schon immer stolz auf dessen Geschichte und Erbe: ein Orchester, das in den 1930er-Jahren mit dem Ziel gegründet wurde, jüdische Flüchtlinge aus Europa zu retten.
Im Laufe der Jahre hat es sich zu einem der bedeutendsten Klangkörper der Welt entwickelt und tritt regelmäßig in den angesehensten Konzertsälen und bei den renommiertesten Festivals auf. Obwohl das Orchester eine unabhängige Institution ist, versteht es sich als Repräsentant der israelischen Gesellschaft auf der internationalen Bühne.
Und ich bin nicht nur stolz auf seine außergewöhnliche künstlerische Qualität, sondern auch auf sein großes Engagement für Bildung und die Förderung von Verbindungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen innerhalb Israels, inklusive der arabischen Gemeinschaft.
Musik lehrt uns, zuzuhören
Musik hat noch nie einen Krieg beendet, doch sie lehrt uns viel über Menschlichkeit, denn sie verlangt von uns, zuzuhören, nachzudenken und zu fühlen.
Ich hoffe, dass wir alle zukünftig von Persönlichkeiten geführt werden, für die Mitgefühl, Menschlichkeit und die eigene Vorbildfunktion die leitenden Prinzipien sind.
Tel Aviv, 22. Oktober 2026

