Der große Argerich-Zauber

Januar 21, 2026
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Jansen, Argerich und Maisky in Luzern (Foto: Lucerne Festival, Schmidli)

Martha Argerich ist zurück in Luzern. Beim Festival „Le Piano Symphonique“ begeistert die 84-jährige Pianistin mit ungebrochener Virtuosität – gemeinsam mit Weggefährten wie Mischa Maisky, Janine Jansen und Stephen Kovacevich.

English summary: Martha Argerich returned triumphantly to Lucerne’s Piano Symphonique. With Mischa Maisky, Janine Jansen and Stephen Kovacevich, she dazzled in Beethoven and Debussy. The wide-ranging festival celebrated piano diversity, yet Argerich’s poetic virtuosity remained its glowing core.

Sie ist da. Mit dem langjährigen Weggefährten Mischa Maisky am Cello. Mit der niederländischen Ausnahmegeigerin Janine Jansen. Und mit ihrem Klavierpartner und früheren Ehemann Stephen Kovacevich. Und vor allem mit ihrem so virtuosen wie poetischen, so zupackenden wie zarten Klavierspiel, was seinesgleichen sucht. Im letzten Jahr musste Martha Argerich in Luzern einen Teil der Konzerte krankheitsbedingt absagen.

Aus Seattle ist eine Gruppe von achtzehn Martha-Argerich-Fans angereist, wie man beim Hotelfrühstück erfährt. Die internationale Ausstrahlung der 84-jährigen Grande Dame des Klaviers ist ungebrochen – auch aus Asien und Afrika seien ihretwegen Musikbegeisterte nach Luzern gekommen, wie Numa Bischof Ullmann, Intendant des veranstaltenden Luzerner Sinfonieorchesters, beim Abschlusskonzert im KKL bemerkt. Dass er die argentinische Grande Dame des Klaviers für das zum fünften Mal stattfindende Festival Le Piano Symphonique als Pianiste associée gewinnen konnte, ist ein Glücksgriff.

Die Alterslose

Das Alter merkt man ihr nur an, wenn sie gemeinsam mit dem ebenfalls nicht mehr ganz jungen, 78-jährigen lettischen Cellisten Mischa Maisky in langsamen Schritten die Bühne des Kultur- und Kongresszentrums Luzern (KKL) betritt. Einmal kurz die graue Mähne nach hinten geworfen und die Tasten des Steinway-Flügels abgewischt – dann geht kehrt die jugendliche Energie zurück. Vom ersten Takt an zeigt sich die Pianistin bei Beethovens Sonate für Klavier und Violoncello in g-Moll op. 5 Nr. 2 als Kammermusikerin par excellence. Kräftig, aber immer federnd spielt sie die Akzente. Jedes Detail bringt sie zum Klingen.

Und wenn sie Melodiephrasen von Mischa Maisky übernimmt, dann werden sie unter ihren Händen noch lebendiger und klanglich raffinierter. Intonatorisch bewegt sich der Lette leider immer wieder neben der Spur – in der hohen Lage wird sein Ton seltsam flach. Aber zumindest das Zusammenspiel gelingt ohne Unstimmigkeiten. Das schnelle Tempo, das Argerich im Rondofinale anschlägt, kann Maisky mitgehen, auch wenn die Läufe im Cello nicht die gleiche Brillanz entfalten wie im Klavier.

Janine Jansen auf Augenhöhe

Mit Janine Jansen hat Martha Argerich bei Beethovens Kreutzer-Sonate dagegen eine Partnerin auf Augenhöhe. Gemeinsam loten sie die Extreme des Werks aus, lassen der Dramatik Raum und schenken der Sonate in langen Pausen Momente völliger Versenkung. Schade, dass Jansen im langsamen Variationssatz klanglich ein wenig forciert.  Das dahinrasende Prestofinale hat Furor und Eleganz. Ein echter Familienabend wird es, als sich Martha Argerich mit ihrem Ex-Mann Stephen Kovachevich am Klavier Claude Debussy widmet.

Die gemeinsame Tochter Stéphanie und der Enkel Roman Blagojevic, ebenfalls Pianist, sitzen im Publikum. Martha und Stephen müssen lachen, als im ersten Satz von En blanc et noir für zwei Klaviere der Schluss nicht ganz zusammen ist. Das bleibt die Ausnahme – das Unisono im „Lent. Sombre“ gelingt so perfekt, als würde nur ein Flügel spielen. Farbenreich und warm entfaltet sich die Interpretation, gekrönt von einem als reiner Legatotraum gestalteten Prélude à l’aprés-midi d’un faune, in der Kovacevich die erste Stimme übernimmt.

Mehr als ein Argerich Festival

Doch Le Piano Symphonique ist mehr als ein Argerich-Festival. Zwölf Konzerte und ein Meisterkurs zeigen den rund 9000 Hörerinnen und Hörern die Vielfalt des Instruments. Im Mittagskonzert spielt der griechische Pianist Fil Liotis im gediegenen Zeugheersaal des Hotels Schweizerhof mit pulsierenden Tänzen von Bernstein, Brahms, Hatzidakis und Schumann seinen eigenen Worten zufolge gegen die problembelastete Weltlage an. Der französische Starcembalist Jean Rondeau verbindet im Programm Sisyphus im KKL seine experimentellen Improvisationen mit einer Lightshow der portugiesischen Künstlergruppe Ocubo.

Der poetische Film von William Kentridge zu Luigi Dallapiccolas Quaderno musicale di Annalibera (Klavier: Mirabelle Kajenjeri) erlebt beim Abschlusskonzert seine Uraufführung. Und die von Argerich entdeckte 13-jährige Pianistin Martina Meola begeistert durch eine nuancierte, erstaunlich reife Interpretation von Chopins Ballade Nr. 1 in g-Moll. Natürlich aber steht auch beim Abschlusskonzert wieder Martha Argerich im Mittelpunkt: in Beethovens 2. Klavierkonzert mit dem von Konzertmeister Gregory Ahss geleiteten Luzerner Sinfonieorchester, in dem Argerich vor Spiellaune nur so sprüht.

Oder in Claude Debussys Petite Suite mit der für den erkrankten Christoph Eschenbach eingesprungenen Akana Sakai. Argerich pur gibt es dann noch in der Zugabe: Domenico Scarlattis Sonate in d-Moll mit einer Tremolotechnik vom anderen Stern. Und einer schwebenden Leichtigkeit, die das Publikum zunächst staunen lässt. Und nach dem letzten Ton zu Beifallsstürmen und stehenden Ovationen animiert. 

Georg Rudiger

Georg Rudiger hat Musikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Freiburg und Wien studiert. Er beobachtet von Freiburg aus das Musikleben im Südwesten Deutschlands, der Schweiz und dem Elsass - als fester Freier für die Badische Zeitung, überregional u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, neue musikzeitung und Der Tagesspiegel. Er ist bei wichtigen Musikfestivals und Opernpremieren (Jurymitglied der Opernwelt), gelegentlich auch Rock- und Jazzkonzerten.

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