Liebe Giorgia Meloni,

November 21, 2025
1 min read
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni

zugegeben, ich habe gedacht, dass Italien und Europa in wenigen Monaten untergehen, wenn Sie Ministerpräsidentin werden. Aber Sie betreiben seit Ihrem Amtsantritt eine Charmeoffensive: Lächeln mit Trump, diplomatisches Tanzen auf europäischem Parkett und klare Kante für die Ukraine. Sie wirken zugänglich, offen – wie eine erwachsene Schwester der Fratelli d‘Italia. Ihr Italien steht noch. 

Aber hinter Ihrer Nonchalance sind sie kompromisslos und brutal. Sie sind eine der wenigen Politikerinnen, die Kultur als Kampfplatz begreifen: Trump legt seiner Frau  das Kennedy Center zu Füßen. Für Sie sind Museen und Opernhäuser Arenen, in denen Sie kritische Musikerinnen und Musiker den Klassik-Gladiatoren Ihrer Partei vorwerfen. Egal, ob RAI oder La Fenice: Sie sind eine eiskalte Direktoren-Dompteurin.  

In Venedig weichen Sie keine Sechzehntel Note von Ihrer Kumpel-Dirigentin Beatrice Venezi ab. Orchester-Protest wird ignoriert, und Ihr Kulturminister Alessandro Giuli giftet in bester Macho-Manie: »Venezi wird Prinzessin von Venedig und die Orchestermusiker in sie verliebt machen.« Und nun drohte Ihr Staatssekretär für Kultur, Gianmarco Mazzi, eine »künstlerische Überprüfung« aller Opern- und Symphonieorchester an. Das klingt nach noch mehr Kultur-Gleichschaltung.

Liebe Giorgia Meloni, Italien und Europa sind mit Ihnen noch nicht untergegangen. Aber ein Teil der italienischen Kultur ist klanglos verschwunden. Nein, ich traue Ihrem Lächeln nicht.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Hört Euch das mal an, Wiener Philharmoniker!

Der Komponist Alexander Strauch gehörte zu den Kritikern des Wiener Arrangements von Florence Prices »Rainbow Waltz«. Nun hat der Präsident des Deutschen Komponistenverbandes das Stück für sein »Rainbow Orchestra« neu vertont. Wir

Das neue Dirigentenzeitalter

Ein globales Personalkarussell, jüngere Namen, mehr Diversität: Die Wechsel an den Spitzen der Orchester markieren mehr als Routine. In der Klassik formiert sich ein neues Selbstverständnis. Beobachtungen des Dirigenten John Axelrod.

Kann Klassik Social Media? 

Der newsletter von BackstageClassical: Wie kann Klassik in den sozialen Medien wirken? Außerdem: Die Retro-Mode beim Sängernachwuchs und Kölns große Eröffnungssause!

Salzburger Positionierungen

Salzburgs neue Intendantin Karin Bergmann geht ein wenig auf Distanz zu Markus Hinterhäuser und kritisiert fehlende Aufklärung zu dessen Abgang. Zugleich wird bekannt, dass Präsidentin Kristina Hammer bei der kommenden Festspieleröffnung nicht

Antwort von Tanja

Nach heftigen Debatten innerhalb der BackstageCassical-Redaktion über die Glaubhaftigkeit der Triangologie-Studentin Tanja und ihres Instagram-Kanals, gab es nun Resonanz aus der Welt der Vibrational Ecology in Norwegen.

Es gibt sie noch, die guten Dinge in Bayreuth

Das Richard-Wagner-Museum in Bayreuth begeht 2026 ein Doppeljubiläum: 150 Jahre Bayreuther Festspiele und 50 Jahre Museum im Haus Wahnfried. Unter dem Titel „50/150 – Utopie und Echo“ gibt es Ausstellungen, Performances, Konzerte,

Verpassen Sie nicht ...