War der Rainbow Walz von Florence Price nur ein Etikettenschwindel beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker? Fachleute sprechen von groben Verfälschungen – und befürchten ein Geschäft auf dem Rücken der Schwarzen Komponistin.
Unter Musikwissenschaftlern in den USA entfaltet sich eine Debatte um den beim Neujahrskonzert 2026 gespielte Rainbow Waltz der afroamerikanischen Komponistin Florence Price. John Michael Cooper kritisiert die beim Konzert der Wiener Philharmoniker aufgeführte Orchesterfassung als tiefgreifende Verfälschung des originalen Klavierstücks und stellt Fragen nach der tatsächlichen Autorschaft. Cooper wirft den Wiener Philharmonikern vor, beim Neujahrskonzert 2026 unter dem Namen Florence Price faktisch ein anderes Werk präsentiert zu haben.
Die Hoffnung seien groß gewesen, als Yannick Nézet-Séguin – der mit Einspielungen von Prices Sinfonien einen Grammy gewonnen hat – eine Orchesterfassung des Rainbow Waltz ankündigte. Doch die beim Konzert gespielte und als Arrangement von Wolfgang Dörner ausgewiesene Fassung habe mit der authentischen, edierten Klavierfassung musikalisch kaum etwas gemein und sei deshalb keine Bearbeitung, sondern ein anderes Stück, argumentiert Cooper.Damit sei die historische Chance vertan worden, Price tatsächlich ins Programm der Wiener Philharmoniker zu holen – obwohl sie mehrere originale Walzer geschrieben habe, die sich für ein Neujahrskonzert eigneten.
Cooper schildert, dass Kolleginnen und Kollegen bei Orchester, Dirigent und Arrangeur nachgefragt hätten – bislang allerdings ohne Antwort. Er fordert Aufklärung, wie es zu dieser Zuschreibung kommen konnte.
Alles nur Kommerz?
Scharfe Kritik kommt auch von der US-Oboistin Katherine Needleman. Sie stellt die wirtschaftliche Dimension in den Fokus. Needleman verweist auf ungewöhnlich hohe Streamingzahlen der Sony-Classical-Veröffentlichung des Neujahrskonzerts: Die dort als Rainbow Waltz (Arr. for Orchestra by Wolfgang Dörner) geführte Nummer werde auf Plattformen wie Spotify drei- bis fünfmal so häufig angeklickt wie die meisten übrigen Titel des Albums und generiere damit erheblich Einnahmen unter Prices Namen. Zugleich sei bislang keine historische Orchesterfassung des Stücks nachweisbar, und die Wiener Version unterscheide sich so stark vom publizierten Klavieroriginal, dass nicht mehr Auslegung, sondern Autorschaft zur Frage werde, heißt es.

Needleman befürchtet, dass Prices Name – vor dem Hintergrund ihrer Ausgrenzung als Schwarze Komponistin – inzwischen als kommerzieller Motor für Musik diene, die weitgehend nicht von ihr stamme. Hörerinnen und Hörer gingen davon aus, Florence Price zu hören, Streamingdienste führten sie als Komponistin, die Erlöse aber könnten im Kern auf einem anderen musikalischen Material beruhen. Dies werfe, so die Oboistin, grundsätzliche Fragen nach Zuschreibung, Urheberrecht und Aneignung auf – insbesondere, wenn ein historisch marginalisiertes Werk auf einer weltweit beachteten Bühne wie dem Neujahrskonzert und in einem hochprofitablen Tonträgerkontext präsentiert werde.
Cooper und Needleman fordern die Wiener Philharmoniker, Chefdirigent Yannick Nézet-Séguin sowie den als Arrangeur genannten Wolfgang Dörner auf, transparent offenzulegen, in welchem Umfang die aufgeführte Fassung tatsächlich auf Musik von Florence Price beruht. Solange diese Fragen unbeantwortet blieben, sei unklar, ob unter Prices Namen nicht in Wahrheit ein anderes Produkt vermarktet werde, das zwar von ihrem Renommee profitiere, aber ihre künstlerische Stimme verfälsche oder verdränge.

